Wirtschaft : Wenn die Wirtschaft zu schnell wächst

Weltbank warnt vor Überhitzung in Schwellenländern / USA tun sich schwer / Deutschland bleibt Europas Konjunkturlokomotive

Frustrierend langsam. So beschreibt Washingtons Notenbankchef Ben Bernanke den Aufschwung in den USA. Foto: AFP
Frustrierend langsam. So beschreibt Washingtons Notenbankchef Ben Bernanke den Aufschwung in den USA. Foto: AFPFoto: AFP

Washington/Wiesbaden/Berlin - Die globale Konjunktur nimmt immer stärker Fahrt auf, doch der Boom der Schwellenländer droht zum Problem für die ganze Welt zu werden. Nach Einschätzung der Weltbank wächst die globale Wirtschaft in diesem Jahr um 3,2 Prozent. 2012 und 2013 sei sogar mit je 3,6 Prozent Wachstum zu rechnen, heißt es im jüngsten Bericht der Bank. In Asien oder Lateinamerika wächst die Wirtschaft schon fast zu schnell, schwächer fällt das Wachstum der Eurozone aus.

Deutschland bleibt Europas Konjunkturlokomotive. Die Bundesrepublik exportierte im April Waren im Wert von 84,3 Milliarden Euro – nach der im März erreichten historischen Bestmarke von 98,2 Milliarden Euro bedeutet dies kalender- und saisonbereinigt einen Rückgang um 5,5 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte. An der glänzenden Wachstumsprognose ändere das aber nichts, beteuern Experten. Denn im Vergleich zum April 2010 legte der Export um 13,4 Prozent zu.

Für die Eurozone erwartet die Weltbank für die Jahre 2011 bis 2013 ein Wachstum von 1,7 bis 1,9 Prozent. Im ersten Quartal legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Euro-Länder nach Angaben der europäischen Statistikbehörde im Vergleich zum Vorquartal um 0,8 Prozent zu. Im Jahresvergleich betrug das Wachstum 2,5 Prozent.

Schwieriger ist die Situation in den USA. Den Aufschwung bezeichnete US- Notenbankchef Ben Bernanke als „unausgewogen“ und, aus der Sicht von Millionen Arbeitslosen, „frustrierend langsam“. „Solange wir nicht eine anhaltende Periode stärkeren Jobwachstums sehen, können wir nicht annehmen, dass die Erholung wirklich Fuß gefasst hat“, betonte er. Allerdings erwarte er, dass die US-Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte an Tempo gewinnt.

Die Schwellen- und Entwicklungsländer boomen dagegen schon heute: Die Weltbank prognostiziert für sie ein jährliches Plus von 6,3 Prozent bis 2013, nachdem sie 2010 um satte 7,3 Prozent zugelegt hatten. „In vielen aufstrebenden Nationen bewegt sich die Wirtschaft jenseits ihrer Kapazitäten und riskiert Überhitzung“, sagte Weltbank-Ökonom Hans Timmer. Das starke Wachstum habe zu neuen globalen Herausforderungen geführt, darunter höhere Rohstoffpreise und steigende Inflation. Bedrohlich sei auch ein neuer Ölpreisschock, sollte sich die Lage im Nahen Osten und in Nordafrika verschlimmern. Außerdem könnten neue Fehlernten die Preise für Nahrungsmittel weiter in die Höhe treiben – mit verheerenden Folgen für die Armen.

In Deutschland gab es derweil im Mai einen kleinen Dämpfer. Industrie, Bau- und Energiewirtschaft erzeugten zusammen 0,6 Prozent weniger als im Vormonat. Im März hatte es noch ein Plus von 1,2 Prozent gegeben. „Der Rückgang hängt auch mit dem späten Osterfest zusammen“, meinte Andreas Scheuerle von der Dekabank. Im Übrigen habe die Baubranche seit Dezember ihre Produktion um fast 50 Prozent gesteigert, der Auftragseingang legte um 20 Prozent zu. „Es sieht also sehr gut aus“, sagte Scheuerle. Gerd Hassel von der BHF-Bank meinte, die Unternehmen hätten einiges getan, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Zudem seien die Finanzierungsbedingungen günstig. Und „weil viele Kapazitäten mehr als ausgelastet sind, sind Investitionen nötig“, sagte Hassel. dpa/rtr

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