Wirtschaft : Wenn Frau führt

Weibliche Führungskräfte sind gefragt. Doch um das Spiel in den von Männern dominierten Chefetagen mitspielen zu können, müssen sie bestimmte Regeln beherrschen. In Seminaren lernen sie das

Mehr als Deko. Barbie ist der Boss, Ken das Anhängsel. In der Berufswelt sieht das oft noch anders aus. Um als potenzielle Führungskraft wahrgenommen zu werden, sollten Frauen an Kommunikation und Auftreten arbeiten, raten Experten. Foto: obs/Mattel GmbH
Mehr als Deko. Barbie ist der Boss, Ken das Anhängsel. In der Berufswelt sieht das oft noch anders aus. Um als potenzielle...Foto: obs

Plötzlich war Friederike Arnolds nicht mehr Kollegin, sondern Chefin. Ihr ehemaliger Chef verließ die Firma, Arnolds übernahm seine Position und damit die Leitung der Abteilung. Sie fand sich in einer neuen Situation mit neuen Aufgaben wieder, in die sie erst hineinwachsen musste. Zum einen wollte sie den ungezwungenen Umgang mit den Kollegen beibehalten und nicht auf einmal zur strengen Chefin werden, auf der anderen Seite hatte sie als Leiterin der Abteilung auch deren Verantwortung gegenüber dem Geschäftsführer der Firma. Die 33-Jährige, die ihren richtigen Namen nicht nennen möchte, ergriff die Initiative und bat beim Geschäftsführer des Unternehmens um die Finanzierung eines Workshops zum Thema „Mitarbeiterführung“ bei Coaching-Maximal in Berlin.

Im mittleren Management, in Personalabteilungen und in mittelständischen Unternehmen sind Chefinnen wie Friederike Arnold immer häufiger. Besonders die Zahl der kleineren Familienbetriebe mit weiblicher Spitze steigt, hier wird etwa jedes fünfte Unternehmen von einer Frau geführt. Doch ganz oben, in den Vorständen und Aufsichtsräten findet man kaum Frauen in Chefsesseln. Besonders die Toppositionen in der Wirtschaft werden nach wie vor von Männern besetzt. In nur 16 der 160 Aktiengesellschaften in den wichtigsten deutschen Börsenindizes gibt es Frauen im Vorstand. Und insgesamt liegt der Frauenanteil in den Vorständen gerade einmal bei drei Prozent. Dabei zeigen Studien, dass Unternehmen gerade dann besonders erfolgreich und effizient sind, wenn es gemischte Teams gibt und Männer und Frauen gleichermaßen vertreten sind.

„Eine gemischte Führungsetage ist ein Garant für Erfolg“, sagt der Kommunikationsberater und Karrierecoach Thorsten Harms. Wenige Frauen in Chefetagen – den Grund dafür sehen Thorsten Harms und sein Kollege Marko Lasnia von Coaching-Maximal vor allem in den stark männlich geprägten Unternehmensstrukturen. „In vielen Unternehmen ist es ein ungeschriebenes Gesetz, dass man unter sich bleibt“, sagt Marko Lasnia. Doch dass die Frauen nachziehen werden, davon sind er und sein Kollege Harms überzeugt: „In fünfzehn Jahren wird es in den Chefetagen auf jeden Fall anders aussehen“.

Doch noch gibt es Hürden. Die Spielregeln zum Beispiel. Frauen kommunizieren anders als Männer – und haben es deshalb in den männlich besetzten Chefetagen schwerer. Dies hat auch Marion Knaths beobachtet. Bevor sie sich 2004 als Unternehmensberaterin selbstständig machte und seitdem in ihrer Firma sheboss weibliche Führungskräfte coacht, war sie eine der wenigen Frauen in Deutschland in einer Führungsposition. Sie leitete das Marketing im Geschäftsbereich Kinder- und Frauenoberbekleidung beim Otto Versand. „Spiele mit der Macht“ heißt ihr 2007 erschienenes Buch, das die wichtigsten Regeln im Umgang mit Kollegen und mächtigen Vorgesetzten erklärt und das Erklimmen der Karriereleiter als Spiel beschreibt. Ein Spiel, das ernste Auswirkungen haben kann, wenn Frau die Regeln nicht kennt. „Die spielerische Herangehensweise hilft den Frauen, nicht so verbissen zu sein. Und zu unterscheiden zwischen dem privaten Mensch und der Spielerin im Berufsleben“, macht Marion Knaths deutlich.

Die Grundregel lautet: Männer kommunizieren innerhalb einer strengen Rangordnung und nutzen Kommunikation, um sich abzugrenzen. Frauen dagegen suchen nach Verbindungen und Gemeinsamkeiten und haben nicht das Bedürfnis, sich in einer Hierarchie einzuordnen. Doch auch stereotype Vorurteile bei den Männern hindern Frauen daran, in die Chefetagen aufzusteigen. „Männer sehen Frauen meist nicht in Führungspositionen, weil sie von sich selbst ausgehen und beim Nachwuchs eher nach männlichen Eigenschaften suchen“, sagt Marion Knaths.

Gerade das selbstsichere Auftreten und das Präsentieren der eigenen Stärken und Kompetenzen falle vielen Frauen schwer. Doch die Vermarktung der eigenen Persönlichkeit sei enorm wichtig. „Frauen denken sehr häufig, dass es nur auf die Inhalte ankommt. Das ist nicht der Fall.“ Das kann auch die Frauentrainerin Heike Hein bestätigen. „Erfolgreiche Frauen werden gerne als fleißige Bienen bezeichnet. Doch eine Biene ist nicht das, was Durchsetzungsvermögen signalisiert.“ Stattdessen stellen Frauen ihr Licht unter den Scheffel und empfinden Konkurrenzkämpfe und Wettbewerbsverhalten als unangenehm. „Frauen machen sich kleiner als sie sind. Dem wirke ich in meinen Coachings entgegen“, so Hein.

Auch die Unvereinbarkeit von Familienplanung und Beruf ist immer noch einer der Gründe, weshalb Frauen, die erfolgreich im mittleren Management arbeiten, nicht weiter aufsteigen. „Frauen überlegen sich das gut. Denn der Preis ist hoch“, sagt Heike Hein. Wenig Zeit für die Kinder und neidische Blicke von Freundinnen oder Kolleginnen gehören dazu. „Wenn man in einer Führungsposition arbeitet, muss man es aushalten können, dass man nicht immer nur gemocht wird“, erzählt Hein von ihren eigenen Erfahrungen. Sie war lange Geschäftsführerin für einen dänischen Großhandel und Mentorin für weibliche Nachwuchskräfte, bevor sie sich vor zwölf Jahren als Coach selbstständig machte.

Obwohl Frauen in einer Familie oder Beziehung oft für die Pflege privater Kontakte zuständig sind, gibt es im Bereich des beruflichen Networkings für Frauen viel zu lernen. Denn sie nehmen gerade private Kontakte überhaupt nicht gerne in Anspruch, um sich beruflich nach vorne zu bringen. „Sie haben das Gefühl, einen Kontakt dann nicht zu nutzen, sondern auszunutzen“, erklärt Hein. Für Männer dagegen sei das ganz selbstverständlich.

„Frauen arbeiten sehr sinnorientiert und suchen sich ganz oft einen Beruf, in dem sie ihre sozialen Kompetenzen einbringen können. Doch das sind in der Regel eben keine Berufe, die große Aufstiegschancen bieten“, so Heike Hein. Als Führungsposition arbeite man weniger inhaltlich, vielmehr müsse man hier motivieren, delegieren und kommunizieren, sagt auch Thorsten Harms. „Wer genau weiß, dass er vorwiegend inhaltlich arbeiten möchte, wird als Führungsperson nicht glücklich werden.“ Ist der Wille da, in die Chefetage aufzusteigen, helfen Trainings, die dazu führen, diesen Wunsch auch nach außen zu demonstrieren und das Auftreten selbstsicherer machen. „Wir arbeiten viel mit Präsentationen vor der Kamera, die wir gemeinsam mit dem Coachee auswerten“, erklärt Thorsten Harms.

Seit dem Chef-Training von Friederike Arnold ist ein knappes Jahr vergangen. „Ich kann jetzt unaufgeregt meine Meinung sagen, ohne den Mitarbeitern gleich eine Standpauke zu halten“, sagt sie. „Und ich weiß auch, dass ich nicht mit meinen Mitarbeitern befreundet sein muss, um ein gutes Arbeitsklima zu haben.“ Stattdessen sei sie jetzt vielmehr Chefin und könne mit der neuen Verantwortung gut umgehen.

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