Wirtschaft : Wenn Gewerkschafter Briefe schreiben

Die Arbeitnehmervertreter haben sich über den Reformkurs zerstritten

Ursula Weidenfeld

Berlin - Zuerst waren es nur Meinungsverschiedenheiten über den Reformkurs der Bundesregierung. Dann wurde daraus offener Streit, inzwischen verkehren die Chefs der großen Einzelgewerkschaften vorzugsweise schriftlich miteinander: Über die Sozialreformen der Bundesregierung ist es zu einem tiefen Zerwürfnis zwischen IG-Metall-Chef Jürgen Peters, Verdi-Boss Frank Bsirske, dem Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer, auf der einen und der Spitze der IG Chemie auf der anderen Seite gekommen.

Ausgelöst wurde der Streit durch einen Brief, den die beiden Vorsitzenden der IG Chemie vor wenigen Wochen an die Kollegen schrieben. Hubertus Schmoldt und sein Stellvertreter Ulrich Freese beklagten darin „Populismus“ und „Kraftmeierei“ bei Peters, Bsirske und Sommer, wenn die mit unsinnigen Forderungen gegen das Regierungs-Reformpaket zu Felde zögen. Das brachte die anderen Gewerkschafter auf die Palme. Für besonderen Ärger aber sorgte ein Passus in dem Brief, in dem Schmoldt und Freese das Scheitern des Bündnisses für Arbeit auch den Gewerkschaften anlasteten. Das sei Geschichtsfälschung, wetterten die anderen Gewerkschafter offen zurück. Schließlich hätten die Arbeitgeber das Bündnis platzen lassen und nicht die Arbeitnehmer. Dass ein Mann aus den eigenen Reihen das offen anders sieht, ist für die Gewerkschaftskollegen Verrat.

IG-Chemie-Chef Schmoldt gilt gewerkschaftsintern als Befürworter des Reformkurses. Dazu kommt, dass er von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) sehr geschätzt wird und ihn auch politisch berät. Der IG-Metall-Vorsitzende Peters, der dem linken Lager der Gewerkschaften zugerechnet wird, antwortete in der vergangenen Woche auf die Vorwürfe. Er finde das Verhalten des Chemiegewerkschaftschefs „unkollegial“ und „persönlich anmaßend“, schrieb er. Schmoldt riskiere, im Gewerkschaftslager ins Abseits zu geraten, analysierte Peters.

Auch SPD-Parteichef Franz Müntefering hatte in dieser Woche Briefe von Jürgen Peters und Frank Bsirske bekommen. Darin legten die beiden Arbeitnehmerfunktionäre nieder, dass sie sich in der Reformdebatte von niemandem das Wort abschneiden lassen wollen. Müntefering hatte die Gewerkschafter öffentlich zu Mäßigung gemahnt.

Eine Lösung des Streits ist kurzfristig nicht in Sicht. Die nächste Bundesvorstandssitzung des Deutschen Gewerkschaftsbundes – traditionell der Termin, an dem auch Meinungsverschiedenheiten zwischen den Einzelgewerkschaften bereinigt werden – findet erst am ersten Dienstag im September statt. DGB-Chef Michael Sommer, der in der Reformdebatte auf der Seite der erbittertsten Kritiker der Regierungspolitik steht, kommt am Montag aus dem Urlaub zurück. Man gehe davon aus, dass der DGB dann auch versuchen werde, die Wogen im Gewerkschaftslager zu glätten, hieß es am Freitag in Gewerkschaftskreisen. Ob es allerdings vor September zu einem bereinigenden Gespräch kommen werde, sei offen. IG-Metall-Chef Peters hat jedenfalls angekündigt, weiter gegen den Reformkurs zu arbeiten. Und die ostdeutschen Gewerkschaftsbezirke beteiligen sich an der Organisation der Protest-Demonstrationen.

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