Wirtschaft : Wenn Hilfe nötig ist

Sonderpädagogen sind in Berlin Mangelware. Eine Weiterbildung bewirkt viel – für Lehrer und Schüler

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Hilfestellung. Die Klassen in Förderzentren, wie Sonderschulen mittlerweile heißen, sind klein, aber nicht heterogen. Jeder Schüler braucht besondere Aufmerksamkeit, ob ADHS, Leseschwäche oder schwieriges Elternhaus. Dafür bedarf es besonderer Qualifikationen. Foto: ddp
Hilfestellung. Die Klassen in Förderzentren, wie Sonderschulen mittlerweile heißen, sind klein, aber nicht heterogen. Jeder...Foto: ddp

Langeweile kennt Gudrun Zacharias in ihrem Beruf nicht. Sie ist Lehrerin einer fünften Klasse an der Schule an der Victoriastadt in Lichtenberg und unterrichtet Kinder mit dem Förderbedarf Lernen. „Jeder Tag ist eine neue Herausforderung“, sagt sie. „Denn jedes Kind beansprucht meine volle Aufmerksamkeit. Zum Beispiel können einige Kinder kaum lesen und schreiben, obwohl sie in der fünften Klasse sind. Für andere ist es ein Sieg, mit einer Aufgabe anzufangen, weil sie eine so große Angst vor Misserfolgen haben. Wieder andere können sich maximal fünf Minuten konzentrieren und brauchen dann besondere Zuwendung.“

Mit einer Kollegin, die die Parallelklasse leitet, unterrichtet Gudrun Zacharias die Kinder im Team. „So haben wir die Kinder gut im Blick, können auf ihre Bedürfnisse eingehen und sie individuell fördern“, sagt sie. „Außerdem tauschen wir uns gegenseitig aus und machen einander Mut.“

Trotz dieser täglichen Herausforderungen: Gudrun Zacharias hat ihren Traumjob gefunden. Schon nach dem Abitur wollte sie Sonderpädagogik studieren, ließ sich dann aber durch ihr persönliches Umfeld auf Germanistik und Englisch mit dem Ziel Lehramt umstimmen.

Viele Jahre unterrichtete sie an einer Gesamtschule und arbeitete in der Schulpsychologie, bis sie vor vier Jahren wegen einer schweren Krankheit aussetzen musste. „Danach beschloss ich, endlich das zu machen, was mich schon immer interessierte“, sagt sie. Sie bewarb sich auf eine Stelle an dem sonderpädagogischen Förderzentrum, wie die früheren Sonderschulen heute in Berlin heißen, und wurde eingestellt. Zugute kamen ihr bei der Bewerbung zahlreiche Weiterbildungen in der Schulpsychologie. Dort führte sie auch Fortbildungen für Lehrer zu Themen wie Entspannung, Konzentrationsübungen und Lerngymnastik durch und betreute Kinder mit der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und Lese-Rechtscheib-Schwäche.

Sonderpädagogische Fachrichtungen gehören laut der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung zu den besonders gefragten Einstellungsfächern, und das nicht nur an Förderzentren, sondern auch an allgemeinen Schulen. Denn das Schulgesetz für Berlin sieht vor, dass sonderpädagogische Förderung vorrangig an allgemeinen Schulen im gemeinsamen Unterricht mit Schülerinnen und Schülern ohne Förderbedarf erfolgen soll.

Wer ein Lehramtsstudium abgeschlossen hat, kann an einer dreijährigen berufsbegleitenden Weiterbildung „Sonderpädagogik“ teilnehmen, die die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Kooperation mit der Humboldt-Universität anbietet. Sie schließt mit der Qualifizierung „Lehramt an Sonderschulen“ ab. Die Weiterbildung erfolgt in zwei Fachrichtungen, wobei die Teilnehmer aus den Bereichen emotional-soziale Förderung, Lernen, Sprache und geistige Entwicklung auswählen können.

„Die Weiterbildung ist für die Lehrkräfte kostenfrei, es fallen lediglich die Kosten für die Einschreibung als Teilzeitstudent an der Humboldt-Universität an. Für die Dauer der Weiterbildung erhalten die teilnehmenden Lehrkräfte wöchentlich fünf Ermäßigungsstunden“, sagt Martin Sand, Sprecher der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Jürgen Heuel, Berliner Vorsitzender des Landesverbands Sonderpädagogik (vds) schätzt, dass nur 30 bis 40 Prozent der Lehrer an Förderzentren regulär Sonderpädagogik studiert haben, der Rest sind Quereinsteiger wie Gudrun Zacharias. „Viele sind Grundschullehrer oder haben vorher an Gesamtschulen oder Gymnasien unterrichtet“, sagt er. „Sie bilden sich häufig parallel zur Arbeit am Förderzentrum weiter.“

Die Motivationen für einen Wechsel sind vielfältig. „Die Kollegen schätzen an der Arbeit am Förderzentrum, dass sie auf einzelne Schüler intensiver eingehen können und entdecken nach einer Zeit des stoff- und leistungsorientierten Unterrichtens die Pädagogik wieder für sich“, so Heuel.

Die Arbeit an einem Förderzentrum unterscheidet sich grundlegend von dem normalen Schulbetrieb, denn für jeden Schüler wird ein individueller Förderplan entworfen. „Die Klassen mit zehn bis 14 Schülern sind sehr heterogen. Wir versuchen, für jedes Kind die Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen es am besten lernen kann“, sagt Jürgen Heuel. Der Arbeitsaufwand für den Lehrer am Förderzentrum besteht weniger im Korrigieren von Klassenarbeiten, mehr dafür in Elterngesprächen, Zusammenarbeit mit Psychologen oder dem Jugendamt, wenn es beispielsweise um verhaltensauffällige Schüler geht.

Die Lehrer müssen außerdem oft für einzelne Schüler besondere Arbeitsmaterialien entsprechend des individuellen Förderplans erstellen.

Jürgen Heuel vom vds findet eine gewisse Lebens- und Berufserfahrung für die Arbeit als Sonderpädagoge vorteilhaft. „Besonders bei verhaltensauffälligen Kindern können ältere Lehrer sehr positiv auf die Schüler einwirken“, sagt er.

Auch die Bezirke bieten regionale Fortbildungen an, die Lehrern an allgemeinen Schulen den Umgang mit „schwierigen“ Schülern erleichtern sollen. „Jeder Bezirk hat einen Fortbildungskoordinator, der Unterstützung bei der Anmeldung leisten kann“, sagt Peter Sinram von der Gewerkschaft Erziehung Wissenschaft (GEW).

Am Bildungsinstitut Asig gibt es seit 2001 eine sechsmonatige „Weiterbildung im sonderpädagogischen Bereich“. Die Finanzierung erfolgt in der Regel über einen Bildungsgutschein der Arbeitsagentur beziehungsweise des Jobcenters und schult Erzieher, Sozialpädagogen und Lehrer im Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern, die zum Beispiel an ADHS leiden. Lehrer haben die Möglichkeit, sich nach dem Kurs zu einer externen Prüfung bei der Senatsschulverwaltung anzumelden und eine Zusatzqualifikation zu erlangen, nicht jedoch die Laufbahnbefähigung Sonderpädagogik, die sie sich im berufsbegleitenden Studium erarbeiten.

Auch der vds hat eine Bildungsakademie, die allen Interessierten offen steht. Die Kosten für die Wochenendseminare zu Themen wie „Theaterspiel als Methode in der Arbeit mit sozial auffälligen Kindern und Jugendlichen“ oder „Theorie und Praxis des Klassenraum-Managements – Wie bekomme ich Ordnung und Ruhe in die Klasse?“ müssen die Teilnehmer selbst tragen.

Auch wenn Gudrun Zacharias die theoretischen Grundlagen für ihre Arbeit sehr wichtig findet, hat sie die meisten Erfahrungen beim Unterrichten am Förderzentrum erlangt, also „learning by doing“. „Man muss eine gesunde Mischung aus Empathie, Optimismus, Konsequenz und Aufrichtigkeit für diese Tätigkeit mitbringen“, sagt die Lehrerin. „Und man sollte auch eingestehen können, wenn man selbst Hilfe benötigt.“

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