Wirtschaft : Wenn man ein Habibi ist

Tewe Pannier

Der Vertrag ist eindeutig. Am ersten des Monats sollte die Firma aus Jordanien die erste Rate gezahlt haben. Aber vier Wochen später ist noch kein Geld auf dem Konto. Der wieder und wieder vorgetragene Hinweis auf Vertrag und ausstehende Zahlung löst stets die gleiche Reaktion bei dem Schuldner aus, den wir mal Ahmed nennen. Er ruft voller Leidenschaft ins Telefon: „Habibi, so Allah will, schicke ich Dir gleich morgen das Geld!“

Allein, es kommt nie an. Nun sind Geschäftsleute es gewohnt, ihrem Geld hinterherzulaufen. Das ist weltweit so, auch in Deutschland. Aber in Arabien kommt der Habibi-Faktor dazu. Einem Habibi setzt man nicht die Daumenschrauben an. Und Habibi wird man in dem Moment, in dem man den Handschlag auf ein Geschäft gibt. Das Lexikon übersetzt Habibi mit Liebling (für männliche Personen). In Wirklichkeit bedeutet es mehr: Kumpel, Alter, Freund, Bruder. Dein Habibi ist dein Partner im Überlebenskampf. Irgendwie ist jeder dein Habibi.

Und so folgen verschiedenste Erklärungen für das Ausbleiben der Zahlungen. Die wehleidige Variante: „Ich hatte all meinen Cash in Optionen auf die Börse in Abu Dhabi. Als sie sackte, war ich im Eimer. Habibi, warte, bis die Börse wieder oben ist, dann zahle ich die Rechnung.“ Die technische Erklärung: „Ich verstehe das nicht, Habibi. Wir haben das Geld geschickt. Aber es ist zurückgekommen, immer wieder.“ Strategisch: „Hol’ Dir das Geld direkt von meinem Kunden, Habibi. Ich geb Dir die Telefonnummer.“ Empört: „Was meinst Du mit Vertrag, Habibi? Du kannst uns doch nicht einfach wie eine deutsche Firma behandeln!“ Nicht Paragrafen und Unterschriften regeln das Geschäft, sondern die Umstände. Und wenn die schlecht sind, baut der Geschäftsmann auf seinen Habibi.

Schließlich haben die Anfragen bei Ahmed Erfolg: Die Bank meldet einen Zahlungseingang aus Amman. Allerdings hat er nur die Hälfte geschickt. Am Telefon erklärt er seine Abweichung vom Vertrag gar nicht erst und sagt nur: „Nimm es als Geste des guten Willens, Habibi!“

Der Autor (45) betreibt eine Medienfirma in Dubai und lebt abwechselnd dort und in Berlin.

ein Geschäftsmann

aus Berlin, erzählt von Arabien

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