Wenn nur der Brexit nicht wäre : Opel scheint wieder auf der Spur

Der einst existenzbedrohte Autohersteller schreibt wieder schwarze Zahlen. Die Zukunft sähe gut aus – wenn der Brexit nicht wäre.

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Bodenhaftung. Eine Imagekampagne und eine neue Modellpalette (hier der „Adam“) halfen Opel aus der Krise. Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Bodenhaftung. Eine Imagekampagne und eine neue Modellpalette (hier der „Adam“) halfen Opel aus der Krise. Foto: Hendrik...Foto: dpa

Zumindest an einem Ort auf der Welt fährt Opel wieder auf Augenhöhe mit Mercedes, BMW und Audi: Unablässig jagen Testfahrer ihre schwarz-weiß gemusterten Autos über die Straßen in der Sierra Nevada unweit von Granada im Süden Spaniens bis auf 2500 Meter Höhe. Einer dieser Erlkönige stammt – Kennzeichen GG – aus Rüsselsheim. Es handelt sich um den für 2017 geplanten neuen Insignia. Der Testfahrer lächelt und braust wieder hoch bis fast zur Schneegrenze kurz vor der Statue der Virgen de las Nieves, der heiligen Jungfrau des Schnees.

Heiligen Beistandes: dessen bedurfte es vor Jahren wohl auch, als Opel in argen Nöten steckte, die Opel-Mutter General Motors (GM) endgültig das Interesse verloren zu haben schien, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Unterstützung versprach, die traditionsreiche, aber seit Jahren mit Milliardenverlusten „glänzende“ Autofirma verkauft werden sollte. Im November 2014 hatte Opel die Produktion am Standort Bochum nach 52 Jahren eingestellt.

Heute ist davon keine Rede mehr. Opel-Chef Karl-Thomas Neumann geriet Ende Juli gar ins Schwärmen. Erstmals seit 2011 verbuchte Opel wieder einen Gewinn. 131 Millionen Dollar meldete GM für das erste Halbjahr. „Das ist ein großartiger Tag für Opel. Das Ergebnis zeigt welch große Fortschritte wir in Europa machen und wie gut unsere Autos ankommen. Das Comeback der Marke Opel ist gelungen“, sagt der seit fast dreieinhalb Jahren amtierende Opel-Chef. Auch in Deutschland stehen die Ampeln auf Grün. Zwischen Januar und Juli wurden rund 147 500 Fahrzeuge mit dem Blitz zugelassen, ein Plus von 9,5 Prozent. Der Marktanteil der GM-Tochter in Deutschland ist wieder auf 7,3 Prozent gestiegen. In Europa verkaufte Opel zusammen mit der britischen Schwestermarke Vauxhall 621 000 Autos, sieben Prozent mehr als im Vorjahr.

Woher kommt der Umschwung? Kritische Beobachter wie Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg-Essen oder Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler nennen vor allem zwei Namen: Neumann und Tina Müller. Der 45-jährige ehemalige VW-Manager habe das Verhältnis zu GM entkrampft, sagt Dudenhöffer. „Neumann ist sicher derzeit einer der fähigsten Automanager in Deutschland“, glaubt Pieper. Mit GM-Chefin Mary Barra versteht sich Neumann gut. „Das Misstrauen gegenüber Opel ist weg“, ist Dudenhöffer überzeugt. Jahrelang war das Gegenteil der Fall. Ingenieure von Opel und GM arbeiten im Entwicklungszentrum in Rüsselsheim wieder sehr gut zusammen, ist von dort zu hören. Neumann hat den Kulturwandel nicht nur versprochen, sondern auch umgesetzt, sagt ein Opelaner, der die Krise hautnah miterlebt hat. „Neumann ist so glaubwürdig wie kein anderer der Chefs vor ihm“.

Auch das Verhältnis zum Gesamtbetriebsrat und dessen Chef Wolfgang Schäfer-Klug hat sich entspannt. Differenzen werden nicht mehr wie früher in der Öffentlichkeit ausgetragen. Die wieder gut laufenden Geschäfte und die Aussicht, dass im Stammwerk in Rüsselsheim zwischen 2013 und 2020 mehr als 3000 neue Jobs entstehen sollen, sorgt fast automatisch für aufgehellte Mienen.

Dann ist da Tina Müller. Die Marketing-Chefin, die 2013 die Leitung der Schönheitssparte von Henkel aufgab und zu Opel wechselte, hat Schwung in den Auftritt und das Image der Marke gebracht. Die 48-Jährige initiierte die Werbekampagne „Umparken im Kopf“ mit flotten Sprüchen und Prominenten wie Fußball-Trainer Jürgen Klopp. Sie und ihr Team spielten auch bei der Entwicklung neuer Modelle eine wichtige Rolle, sagt Müller. „Wir sind – sozusagen als Stimme des Kunden – entscheidend in diesen Prozess eingebunden“. Heute, ist Müller überzeugt, legen Opel-Fahrer ihren Schlüssel wieder stolz auf den Tisch. Und Käufer seien, heißt es in Rüsselsheim, wieder bereit für ein Modell mit dem Blitz etwas mehr zu bezahlen.

2016 erstmals seit Langem wieder schwarze Zahlen erwartet

Technisch haben Experten seit Jahren an den Autos aus Rüsselsheim nichts zu meckern. Der neue Astra (Neumann: Das beste Auto das wir je gebaut haben) ist Europas Auto des Jahres. 220 000 Vorbestellungen hat Opel eingesammelt. Fast 33 000 Astra wurden im ersten Halbjahr in Deutschland verkauft, 30 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Und das bei jedem Modell mit Gewinn, versichert Neumann. Der Kleinwagen Adam und der Geländewagen Mokka gelten ebenfalls als Erfolg.

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Der neue Opel Astra ist Auto des Jahres 2016
Der neue Opel Astra ist Auto des Jahres 2016

Autoanalyst Pieper ist überzeugt, dass Opel 2016 auch erstmals seit Langem für ein ganzes Jahr wieder schwarze Zahlen schreibt, auch wegen der umgesetzten Sparmaßnahmen. Das Aus für das Werk in Bochum (von 3300 Mitarbeitern haben, so der Betriebsrat, bis heute 2000 keinen neuen Job gefunden) Ende 2014 gehört dazu. 25 Jahre habe es nur rote Zahlen geschrieben, vermutet Pieper. Einfach ist der Weg zurück in die Gewinnzone nicht. Russland fällt total aus, 2015 hat sich Opel dort wegen der Krise komplett zurückgezogen, die Fabrik in St. Petersburg geschlossen. 2014 hatte Opel in Russland noch 65 000 Autos verkauft.

Jetzt drohen herbe Konsequenzen durch den Brexit auch in Großbritannien. GM rechnet mit Belastungen von bis zu 400 Millionen Dollar. 2015 hat die Schwestermarke Vauxhall in Großbritannien fast 312 000 Autos verkauft. Es war der größte Markt von Opel/Vauxhall in Europa vor Deutschland mit 243 000. Der Wachstumseinbruch auf der Insel dürfte den Automarkt massiv treffen.

Gegenwind gibt es auch durch die Debatte um angeblich manipulierte Diesel-Fahrzeuge. Neumann weist Vorwürfe der Deutschen Umwelthilfe entschieden zurück. Opel setze keine illegale Software ein, alle Motoren entsprächen den gesetzlichen Vorschriften.

Nicht zuletzt setzt auch Auto-Experte Dudenhöffer Fragezeichen mit Blick auf den Anteil von Eigenzulassungen. Mit 43,9 Prozent sei er so hoch wie bei keinem anderen Anbieter in Deutschland. „Das ist eine sehr kostspielige Methode, um Verkäufe zu generieren“. Neumann hält dagegen. Es seien vor allem Autos von Mitarbeitern. Auch damit könne Opel Geld verdienen. „Wir wachsen nicht um jeden Preis.“ Auf Abenteuer lässt sich der Opel-Chef nicht ein. Bis 2020 soll es zwar 29 neue Modelle geben. Aber die Oberklasse ist für Opel tabu. Auch wenn man in der Sierra Nevada auf Augenhöhe mit Mercedes, BMW und Audi fährt.

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