Wirtschaft : Wenn Pillen fast perfekt sind

Medikamente gegen Herzleiden wirken so gut, dass Pharmakonzerne kaum bessere entwickeln können

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Von Ron Winslow Eine Serie enttäuschender neuer Studien lässt den Schluss zu, dass die Pharmakonzerne mit ihrem Versuch, die Therapien zur Vorbeugung von Herzinfarkten und Schlaganfällen zu verbessern, an eine Grenze stoßen.

Herz-Kreislauf-Medikamente machen weltweit 86 Milliarden Dollar und damit 16,5 Prozent der Einnahmen der Pharmaindustrie aus. Diese Medikamente – vor allem cholesterinsenkende Statine – haben sich als so wirksam erwiesen, dass es der Pharmaindustrie schwer fällt, noch bessere Medikamente gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu entwickeln. Und daher hat es die Industrie auch schwer, wieder neuen Glanz in ihre nachlassende Performance zu bringen.

„Für jeden Pharmakonzern sieht die Realität so aus, dass die Medikamente auf dem Markt einfach gut sind“, sagt Steven Nissen, Kardiologe und Forscher an der Cleveland-Klinik. „Es wird schwer, neue Therapien mit besserer Wirkung zu entwickeln.“

Medizinische Ratgeber empfehlen Patienten mit einem hohem Risiko für Herzerkrankungen neben Statinen auch die blutdrucksenkenden Medikamente ACE- Hemmer und Betablocker sowie Aspirin. Diese Medikamente sollen Herzinfarkten und Schlaganfällen vorbeugen. Einige dieser Pillen sind regelrechte Verkaufsschlager, in der Branche Blockbuster genannt, die den Pharmakonzernen über die längste Zeit des vergangenen Jahrzehnts ein goldenes Zeitalter beschert haben. Aber von vielen dieser Pillen gibt es bereits preiswertere Nachahmermedikamente (so genannte Generika), bei einigen anderen laufen die Patente bald aus. Es gibt in der kurzen Frist für die Konzerne nur eine Hand voll Möglichkeiten, dieser Flaute zu begegnen.

Studien zeigen, dass das Cholesterin-Level in der Bevölkerung bereits gesunken ist. Andere Daten deuten darauf hin, dass die Zahl der Krankenhauseinweisungen wegen Herzinfarkt in den USA in den vergangenen Jahren gleich geblieben oder sogar gesunken ist – ein möglicher Beweis dafür, dass die Versorgung der Patienten besser geworden ist.

Herz-Kreislauf-Erkrankungen bleiben dennoch die Todesursache Nummer eins in der Welt, und die wachsende Zahl von Diabetes-Patienten – Diabetes erhöht das Risiko – droht den Fortschritt bei der Bekämpfung dieser Krankheiten in Frage zu stellen, was den Bedarf an neuen Therapien noch notwendiger macht.

Sechsmal in dieser Woche gingen Forscher beim Jahrestreffen der American Heart Association zum Podium, um mehreren tausend Kardiologen zu erklären, dass ein weiterer wichtiger Klinikversuch sein Hauptziel nicht erreicht habe. Ein siebter Bericht kam zu positiven Ergebnissen, die sich aber aus einer Studie ableiteten, die ebenfalls ihr Hauptziel verfehlt hatte.

Das vielleicht überraschendste Ergebnis des Treffens ist eine Studie namens Ideal, in der Patienten untersucht wurden, die bereits einen Herzinfarkt hinter sich hatten. Die Studie verglich die höchste Dosierung (80 Milligramm) des Statins „Lipitor“ von Pfizer mit einer Standarddosierung (20 bis 40 Milligramm) von „Zocor“ von Merck und konnte keinen statistisch signifikanten größeren Nutzen der aggressiveren Therapie nachweisen. Ein Grund für dieses Ergebnis, vermutet der prominente norwegische Kardiologe Terge Pedersen, der die Studie leitete, sei die Tatsache, dass 95 Prozent der „Zocor“- Patienten, aber nur 89 Prozent der „Lipitor“- Patienten die fünfjährige Therapie zu Ende geführt hätten.

Zwei vorangegangene Studien hatten gezeigt, dass eine höhere Dosierung von Statinen eine eindeutig bessere Wirkung hat. Eine dieser Studien, genannt TNT, war Ideal sehr ähnlich. Bei TNT sei das Hauptziel gewesen, nicht nur die Gefahr eines Herzinfarktes zu reduzieren, sondern gleichzeitig auch die eines Schlaganfalls. Mediziner Pedersen ist der Überzeugung, dass auch die Studie Ideal ihr Ziel erreicht hätte, wenn Schlaganfälle in die primäre Analyse von Ideal einbezogen worden wären.

Das zeigt ein anderes Problem, vor dem die Pharmahersteller und Forscher auf ihrer Suche nach wirkungsvolleren Medikamenten stehen: die Herausforderung, die Studien richtig anzulegen. „Neue Therapien müssen allgemein auf kleinere Verbesserungen abzielen“, sagt Christopher Cannon, Kardiologe aus Boston. „Und um sicherzustellen, dass man auch genügend aussagekräftiges statistisches Material bekommt, um den Nutzen tatsächlich nachweisen zu können, braucht man größere und teurere Studien.“

Cannon leitet eine jetzt eingeleitete Studie namens Improve-It, in der untersucht werden soll, ob „Vytorin“, eine Kombination von „Zocor“ und einem anderen Cholesterinsenker, besser als „Zocor“ allein Herzinfarkten und Todesfällen unter Risikopatienten vorbeugen kann. Die von Merck und Schering- Plough, die „Vytorin“ vertreibt, gemeinsam gesponsorte Studie wird fast dreimal so viele Teilnehmer haben wie eine ähnliche Studie, die vor zwei Jahren veröffentlicht wurde. Cannon ist der Überzeugung, dass man mehr Teilnehmer und einen langen Zeitraum zur Verfügung haben muss, um einen Unterschied zwischen den beiden Behandlungen nachweisen zu können.

Übersetzt und gekürzt von Matthias Petermann (Nestlé), Svenja Weidenfeld (Herz-Kreislauf-Medikamente) und Christian Frobenius (Europäische Zentralbank und UN-Informationsgipfel).

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