Wirtschaft : Wenn Reichtum nicht alles ist (Leitartikel)

Heik Afheldt

Das alles scheint nicht so recht von dieser Welt, sondern eher ein modernes Märchen zu sein. Das Leben des 45-jährigen William Henry Gates III ist eine einzige Erfolgsstory. Erst gut 30 Jahre ist es her, dass der Schüler Bill zum ersten Mal an einem Computerterminal ein Programm zur Stundenplanung seiner Schule gebastelt und dabei einen bösen Computerabsturz verursacht hat. Das war sein erster und bisher letzter Absturz. Seither ist er von Erfolg zu Erfolg nach oben gestürmt, eine einzigartige Verkörperung des "American Dream". Und dieser Mann will nun die Verantwortung für sein Unternehmen Microsoft abgeben? Was bedeutet das?

Heute ist Bill Gates mit einem Privatvermögen von über 80 Milliarden Dollar nicht nur der reichste Mann der Welt, sondern auch einer der mächtigsten. Microsoft, das Unternehmen, das er 1975 mit Paul Allen, seinem Schulkameraden, gegründet hat, ist längst der weltweit größte Software-Hersteller. Kein Unternehmen wird an der Börse höher bewertet. Eine Billion Mark, das ist etwa so viel wie Allianz, DaimlerChrysler, Mannesmann, Siemens und Deutsche Telekom zusammen. Die Betriebssysteme aus dem Hause Microsoft unter dem Namen Windows sind die Seele von schätzungsweise 95 Prozent aller Personal Computer rund um den Globus. Kein anderes Produkt ist so global und - anders als Coca-Cola oder die Hamburger von McDonalds - so unverzichtbar und lebenswichtig für jeden von uns. In den Büros, in den Fabriken und zu Hause sind wir alle vom einwandfreien Funktionieren der Betriebssysteme und Programme abhängig. Erst sie machen die PCs zu wahren Zauberlehrlingen der modernen Informationsgesellschaft. Bill Gates hat mit seinen Produkten die gesamte Welt und ihre Wirtschaftsstrukturen nachhaltig verändert - weit mehr als Gutenberg oder irgendein anderer der großen Erfinder vor ihm.

Und nun gibt dieser bewunderte und beneidete Mann das Ruder aus der Hand - an seinen bisherigen Stellvertreter Steve Ballmer - und zieht sich auf den Präsidentensessel seiner Firma zurück. Mit 45 in den Vorruhestand? Wie lässt sich das lesen? Will Bill Gates in Ruhe die Früchte seines Erfolges genießen? Hat Microsoft den Zenit seiner rasanten Entwicklung überschritten? Ist es vielleicht nur ein taktischer Schritt, um den Klagen des amerikanischen Justizministeriums gegen den angeblichen Machtmissbrauch von Microsoft die Spitze zu nehmen? Oder passt sein Entschluss, künftig wieder, wie in seinen Anfängen, selbst Software zu entwickeln, zum Charakter dieses so unkonventionellen Menschen, so, wie seine früheren Volten, seine Schul- und Studienabbrüche?

Taktik im Streit um Missbrauch der marktbeherrschenden Stellung von Microsoft mag eine Rolle gespielt haben. Die Macht von Microsoft stimmt viele besorgt. Und diese Sorge wächst noch mit jedem Schritt, den der Software-Riese in die Internetwelt tut und je mehr er nicht nur Systeme, sondern auch Inhalte anbietet. Aber eine "Zerschlagung" von Microsoft müsste Bill Gates nicht schrecken. Der Wert seiner Unternehmen könnte sogar noch steigen.

Nein, viel einleuchtender ist doch, dass dieser Bill Gates seine "Pullovermentalität" und seine jungenhafte Neugier auf Neues auf seinem steilen Weg nach oben und trotz seines immensen finanziellen Erfolges nicht verloren hat. Er ist der Prototyp des Unternehmers aus der neuen Wissensgesellschaft, ein Missionar des Fortschritts, einer, der mit seinem Geld sinnvolle Stiftungen gründet. Reich werden ist für ihn Folge des Erfolgs, aber nicht der eigentliche Antrieb - eine beneidenswerte Mentalität.

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