Wirtschaft : Wenn sich im Unterricht starke Gefühle melden

Schwärmerei für den Lehrer ist in achten und neunten Klassen keine Seltenheit. Internate begegnen verliebten Teenagern gelegentlich mit der Hausordnung.

von
Zurückhaltung ist meist besser als die Offenbarung. Um die Gedanken und Gefühle zu ordnen, kann zum Beispiel ein Liebesbrief helfen. Er muss ja nicht unbedingt abgeschickt werden. Foto: picture alliance / dpa-tmn
Zurückhaltung ist meist besser als die Offenbarung. Um die Gedanken und Gefühle zu ordnen, kann zum Beispiel ein Liebesbrief...Foto: picture alliance / dpa-tmn

Es ist kurz vor 22 Uhr an einem verschneiten Winterabend im Schwarzwald. Ein Oberstufenschüler, nur in Boxershorts und Cowboystiefel gekleidet, läuft quer durch das Schulgebiet der Schule Birklehof, einem Internat für Jungen und Mädchen, und trifft auf einen Erwachsenen, der ihn erstaunt fragt, was er da macht. Die Erklärung: Er habe vorm Fenster seiner Angebeteten gestanden und geschworen, er würde sein letztes Hemd für sie geben. Sie machte die Probe aufs Exempel und dann das Fenster zu.

An diese Begebenheit erinnert sich Henning Lassen mit einem Schmunzeln. Vier Jahre lang war er Lehrer und „Hauserwachsener“ – also Erzieher – an der Schule Birklehof. „Ich hatte das Glück, als Berufsanfänger im Internat eine Gruppe von jungen Männern zwischen 17 und 22 Jahren übernehmen zu dürfen“, sagt er. „Die waren, wenn überhaupt noch, in den letzten Zügen der Pubertät und erfahrene Internatszöglinge.“ Die eigentlich pubertierenden Teenager hatte er im Unterricht. „Aber im Internat gibt es aus den verschiedensten Gründen lange nicht die Probleme, die in der 8. und 9. Klasse der öffentlichen Schule entstehen können. Und natürlich habe ich an den Wochenenden oft Unternehmungen im Freien angeboten, wo auch Jüngere mitmachten. Da entsteht eine Gruppendynamik, die ebenfalls erzieherisch wirkt. In einem guten Internat entstehen so Strukturen wie in größeren Familienverbänden; da erziehen sich Menschen ‚nebenbei'.“

Wobei Lassen betont, dass ein Erzieher oder Lehrer niemals Elternersatz ist, aber genauso wenig ein Freund. „Freunde geben keine Noten“, sagt er. „Ich kann nur versuchen, möglichst klar rüber zu kommen. Auf der anderen Seite freue ich mich natürlich auch, wenn mir Menschen Vertrauen entgegen bringen. Da mischt sich die professionelle mit der persönlichen Ebene. Ist ja klar.“ Überhaupt sei Vertrauen die Basis für das Zusammenleben im Internat.

„Für das Zusammenleben im Internat ist es notwendig, für sich die richtige Balance zwischen Gemeinschaft und nötiger Privatsphäre zu finden“, erläutert Markus Panning, Schulpsychologe im Internat Marienau bei Lüneburg. „Konflikte sind dabei häufig das Ringen um eine optimale Distanz. Die Entwicklung von Freundschaften verläuft aufgrund des intensiven Zusammenlebens schneller. Sie haben auch eine andere Qualität. Damit möchte ich nichts über ein ‚besser' oder ‚schlechter' sagen. Das wäre Unfug. Sie beinhalten aber einen größeren Anteil gemeinsam verbrachten Alltags und – das ist das Besondere – es ist schwieriger, sich nach dem Ende einer Freundschaft oder Beziehung aus dem Weg zu gehen. Die Bedürfnisse von den Kindern und Jugendlichen sind dabei sehr unterschiedlich und wir erwachsenen Mitarbeiter sind angehalten, vorrangig die Sicherheit zu vermitteln, dass niemand in Notsituationen allein sein wird.“

Gerade das Thema Intimität stellt für Lehrer und Erzieher eine besondere Aufgabe dar. „In der Tat befinden sich in Internaten die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in einem schwer zu überschauenden Spannungsfeld zwischen juristischen Aspekten und pädagogischen Herausforderungen“, erklärt er. Das führe teilweise dazu, dass in einigen Internaten jegliche Form der Sexualität per Schulordnung ausdrücklich verboten ist, sie im Alltag aber augenzwinkernd übersehen wird. „In rechtlicher Hinsicht mag das eine Absicherung sein, in pädagogischer führt diese Handhabung allerdings zu einer Kriminalisierung gesunden, natürlichen Verhaltens in der jugendlichen Entwicklung“, so Panning. In Marienau sei man daher bemüht in Absprache mit den Eltern die Jugendlichen auch in Bezug auf die Themen Liebe und Sexualität pädagogisch zu begleiten. Sei es durch vertrauensvolle Gespräche oder durch entsprechende Informationsveranstaltungen.

Doch was passiert, wenn sich ein Lehrer auf die Gefühle eines Schülers einlässt? „Lehrer sind auch nur Menschen“, sagt Katrin Johnson. Sie unterrichtet an der Kurt Schwitters Oberschule in Berlin. Als Lehrer müsse man ganz schön aufpassen, wenn Schüler ihre Reize einsetzten, um bestimmte Dinge zu erreichen.

Der Lehrer stehe gesetzlich gesehen in der Verantwortung. „So etwas nennt man Missbrauch in einem Abhängigkeitsverhältnis. Denn der Lehrer übt Macht aus und trifft die Entscheidungen. Da darf es keine sexuelle Beziehung geben, das ist ein Tabu“, sagt Klaus Seifried, Leiter des Schulpsychologischen Zentrums in Berlin. „Das Schwärmen für Autoritäten ist so alt wie die Menschheit. Das gab es bei den Griechen schon, und das wird es auch immer geben“, sagt er. Seiner Meinung nach sei es völlig normal, wenn Schüler für ihre Lehrer Gefühle entwickelten.

Das beginne schon mit der Einschulung: „Sie fühlen sich groß und erwachsen und identifizieren sich mit dem Lehrer oder der Lehrerin. Diese Identifikation gibt den Kindern Motivation und Leistungsbereitschaft.“ Eine emotionale Beziehung zu einem Lehrer sei grundsätzlich etwas Positives. Allerdings müsse man zwischen Verliebtsein und Schwärmerei unterscheiden, so Seifried.

Im englischen Internat Malvern College gibt es einen Verhaltenscodex für Pärchen, der den Teenagern schriftlich ausgehändigt wird. Darin steht etwa, dass Händchenhalten auf dem Campus und im Unterricht unerwünscht ist. Auch ist es untersagt, sich eng umschlungen, mit jedem Körperteil aneinander gedrückt in der Öffentlichkeit zu zeigen oder gar zu knutschen. Menschen, die nicht mehr im Teenageralter sind, insbesondere Eltern und Besucher, seien sehr sensibel, was solches Verhalten betrifft, heißt es im Pamphlet. Außerdem sei es schlecht für den Ruf der Schule und die eigene Moral.

„Regelverstöße werden je nach Schwere geahndet“, sagt Sarah Angus, Erzieherin und Stellvertretende Schulleiterin in Malvern. „In Disziplinarverfahren geben wir unseren Schülern die Chance, die Wahrheit zu sagen und sich zu erklären. Wir versuchen sie darin zu unterstützen, künftig die richtigen Entscheidungen zu treffen. Das ist auch die Basis für Strafen. Wir wollen aber auch, dass unsere Zöglinge in einem sicheren Rahmen gesunde Freundschaften entwickeln. Mitgefühl ist wichtig – junge Menschen unter solchen Umständen bloßzustellen, ist nicht angebracht."

Dass es funktioniert, weiß Alexandra von Bülow-Steinbeis, die seit vielen Jahren von Oxford aus deutsche Kinder an britische Internate vermittelt. „An deutschen Internaten werden solche Dinge in der Regel nicht so explizit ausgesprochen, geschweige denn Schülern per Merkblatt überreicht. Aber deutsche Kinder, die sich für ein englisches Internat entscheiden, kommen mit diesem kultureller Unterschied im Umgang mit dem Thema gut zurecht.“

Entwickeln sich aber ernsthafte Gefühle, kann es problematisch werden. „Die Grenze ist erreicht, wenn die Schwärmerei oder Verliebtheit den Schüler blockiert, und er darunter leidet“, sagt Seifried. Dies sei zum Beispiel der Fall, wenn Jugendliche an nichts anderes mehr denken könnten. In diesem Fall wenden sie sich am Besten an einen Außenstehenden, beispielsweise einen Schulpsychologen. (mit dpa)

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben