Wirtschaft : „Wenn Technik im Spiel ist, kann es immer Pannen geben“

Klaus Baur, Präsident der deutschen Bahnindustrie, über Qualitätsprobleme und die Zukunft der Branche

Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Herr Baur, die ICEs Ihrer Industrie frieren ein oder werden zur Sauna, in Berlin funktionieren S-Bahnen nicht. Wie kommt die Branche aus dem Imagetief?

Sie müssen differenzieren zwischen Bahntechnikherstellern und Eisenbahnverkehrsunternehmen. Für den Betrieb im Nah- und Fernverkehr sind die Verkehrsunternehmen zuständig, einschließlich der Wartung und Instandhaltung ihres Materials. Die Hersteller haben kein Imageproblem. Selbstverständlich schauen wir uns Defekte genau an. Daraus lässt sich jedoch kein grundsätzliches Qualitätsproblem ableiten. Die große Masse der Züge, die unterwegs sind, fahren pünktlich und funktionieren.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus den Problemen der vergangenen Monate?

Der Verkehrsträger Schiene ist noch immer das mit Abstand sicherste Verkehrsmittel. Bei Pannen gibt es zudem eine große Aufmerksamkeit. Wir haben die Züge immer gemäß der Wünsche unserer Kunden und der technischen Normen gebaut. In Zukunft werden wir mit den Betreibern noch stärker darauf achten, dass sie bei allen Wetterbedingungen zuverlässig sind und den nötigen Komfort bieten. Wenn Technik im Spiel ist, kann es aber immer Pannen geben. Wir wollen auf der Innotrans die Gelegenheit nutzen, um zu zeigen, dass wir hervorragende Qualität liefern. Nicht zuletzt deswegen konnten unsere Mitgliedsfirmen in den letzten fünf Jahren ihr Geschäft kontinuierlich steigern – im Inland wie im Ausland.

Wie laufen die Geschäfte?

Im Krisenjahr ist die Nachfrage stark eingebrochen. Ich gehe davon aus, dass es jetzt wieder deutlich bergauf geht. Wenn die Wirtschaft weiter anzieht, werden auch die Investitionen in die Schiene wieder zunehmen. Wir spüren schon in einzelnen Bereichen verstärkte Anfragen, das ist vielversprechend. Im Krisenjahr 2009 sind die Aufträge um ein Fünftel zurückgegangen. Es sieht danach aus, als hätten wir nun die Wende geschafft.

Woher kommen die Bestellungen?

Wir hoffen vor allem auf das Geschäft mit dem Ausland. Bereits heute verkaufen wir dort mehr als die Hälfte unserer Produkte. Wachstumstreiber ist ganz klar China. Dort gibt es einen großen Nachholbedarf. In Indien und Südamerika ist es ähnlich. Auch in Europa ist Bedarf vorhanden. Im Regionalverkehr rechnen wir mit neuen Bestellungen, viele Ausschreibungen stehen an. Auch im Güterverkehr stehen die Signale offensichtlich wieder auf Grün. Das Verkehrsaufkommen konnte im ersten Halbjahr 2010 um 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zulegen. Und im Fernverkehr steht die Bahn vor der Vergabe des größten Auftrags ihrer Geschichte, sie will die IC-Züge ersetzen.

Die Bahn verhandelt nur noch mit Siemens.

Das Geschäft wird die ganze Branche beflügeln. Bombardier ist als Unterlieferant eingebunden. Auch mittelständische Unternehmen wie Achs- und Bremsenhersteller und Hersteller von elektronischen Komponenten werden profitieren. Die Palette an Zulieferern ist sehr breit. Von den neuen Fahrzeugen profitiert aber nicht nur die Industrie, sondern vor allem die Fahrgäste, denn die neuen Züge werden den Komfort im Vergleich zu der in die Jahre gekommenen IC-Flotte deutlich erhöhen. Wir wissen aus einer eigenen Studie, dass durch den Einsatz neuer Züge sogar Eisenbahnskeptiker auf die Schiene umsteigen.

Klaus Baur ist Präsident des Verbands der Bahnindustrie und leitet das Deutschlandgeschäft des kanadischen Eisenbahnkonzerns Bombardier. Mit ihm sprach Carsten Brönstrup.

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