Wirtschaft : "Wer einmal zur Rettung antritt, ist zum Erfolg verdammt"

Herr Thoma[der Kanzler rettet Ammendorf],Stoi

Helmut Thoma ist medienwirtschaftlicher Berater des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement.

Herr Thoma, der Kanzler rettet Ammendorf, und Stoiber pflegt sein Image als wirtschaftspolitisch erfolgreicher Bayer. Wer macht die bessere Figur?

Das ist schwer zu vergleichen. Schröder hat die Probleme der Bundesrepublik zu bewältigen, und Stoiber profitiert von einer besonderen Wirtschaftssituation in Bayern. Das sieht so aus, als wäre Bayern das Vorbild für ganz Deutschland. Aber die besten Orangen wachsen auch nicht im Norden Amerikas, sondern in Florida, weil dort das Klima besser ist. Dafür kann Florida aber nichts.

Zu einem beliebten Bestandteil des Wahlkampfes scheint die Rettung von Unternehmen zu werden ...

Das hat bei Schröder mit Holzmann beim ersten Mal ja auch gut funktioniert.

Kommt es auf die Inszenierung an und hat Schröder als Retter der Arbeiter mehr Talent als Stoiber?

Schröder hat eindeutig das bessere Gespür für Menschen und Auftritte. Er hat ein PR-Gefühl. Berater braucht er dafür nicht. Das macht er selber. Stoiber tut sich da schwerer. Er ist bei seinen Auftritten steifer, hölzerner, und das kommt nicht gut rüber.

Aber verbraucht sich diese Rolle nicht?

Natürlich. Für die Wähler ist so etwas aber greifbar. Solange man nicht selber arbeitslos ist, sind Zahlen nicht besonders eindrucksvoll. Wenn aber ganz konkret ein Unternehmen gerettet wird, das beeindruckt. Das ist ein real sichtbarer Erfolgsnachweis. So, als hätte der Politiker einen aus dem Wasser gezogen und vor dem Ersaufen gerettet. Das ist viel heldenhafter, als wenn jemand durch harte, administrative Arbeit ein paar Leute vor der Arbeitslosigkeit bewahrt hätte.

Welche Unternehmen lassen sich denn besonders werbewirksam retten?

Erstens muss das Unternehmen bekannt sein und zweitens muss es viele Mitarbeiter haben. Die stehen am besten in einer großen Halle in ihren blauen Arbeitskleidern zusammen, wenn der Politiker kommt, um sie zu retten.

Welche Fehler sollte der wahlkämpfende Wirtschaftspolitiker vermeiden?

Der größte Fehler wäre natürlich, wenn die Rettung misslingt. Wer einmal zur Rettung antritt, ist zum Erfolg verdammt. Sonst schlägt es zurück. Stoiber wird Kirch möglicherweise viel dringender retten müssen als Schröder die Waggonbauer in Ammendorf. Nur: Populär wird er damit trotzdem nicht.

Weil man sich mit Kirch öffentlich schlecht schmücken kann?

Genau. Das hat zum Beispiel Helmut Kohl sehr geschadet.

Zur Rollenverteilung: Welches Image kann Stoiber noch aufbauen, das nicht dem Schröders entspricht?

Sein stärkstes Argument sind die steigende Arbeitslosigkeit und die schlechten Wirtschaftsdaten. Daran wird er sich festbeißen.

Aber dann wäre er nur der wirtschaftspolitische Miesmacher.

Naja. Wunder kann auch Stoiber nicht vollbringen. Die Einbindung Deutschlands in die EU, die Weltwirtschaft und die Zukunft der US-Wirtschaft - das alles ist natürlich beim Wahlvolk schwer verkäuflich. Und wenn jetzt auch noch der Aufschwung kommt, dann hat er sofort verloren. Da nutzt er lieber die Bugwelle aus Bayern und verbreitet, wie toll es im Freistaat ist.

Kann man mit dem Thema Wirtschaft überhaupt einen Wahlkampf bestreiten?

Ich glaube, dass es das einzige Thema ist, das die Leute heutzutage überhaupt interessiert. Das Problem liegt in der Abgrenzung der wirtschaftspolitischen Programme. Da verwischen sich ja die Grenzen zwischen den Parteien. Wirtschaftsfreundlich sind alle.

Wie schärft man das eigene Profil?

Durch Versprechungen. Früher waren es Brot und Spiele. Heute ist es mehr das Brot, weil die Spiele beide versprechen.

Ist das die Amerikanisierung des deutschen Wahlkampfs?

Ja. Es ist ja auch gut, dass die ideologischen Grabenkämpfe vorbei sind.

Ihr Tipp: Wer macht das Rennen?

Aus heutiger Sicht: Schröder.

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