Wirtschaft : Wer hat den Erfolg im Blick?

Berlins Unternehmer wünschen sich ihren Wirtschaftssenator - nicht aus der Politik und nicht wehleidig

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Berlin. Die Berliner Unternehmer und Verbände haben ein Problem. In Kürze erleben sie den vierten Wirtschaftssenator in Folge. Nicht einmal ein Dreivierteljahr hat es gedauert, da sahen sie Aufstieg und Abgang von Wolfgang Branoner, Juliane Freifrau von Friesen und nun von Gregor Gysi. Mit Zynismus, Hohn, bestenfalls mit Verunsicherung kommentieren potenzielle Investoren die ständig wechselnde Szenerie in der Berlin AG. Derweil stapeln sich die Aufgaben. Berlin braucht mehr Unternehmer, weniger Bürokratie, klarere Konzepte zur Schaffung von neuen Arbeitsplätzen. Die Wirtschaftslage ist alles andere als rosig (vgl. Kasten). Hinzu kommt, dass die Abstimmungen zwischen den Senatsverwaltungen immer aufwändiger werden. Es fehlt Geld – und ein klares Konzept für Berlins Wirtschaftspolitik. Die Finanzlage erfordert eine schnelle Antwort auf die Frage, an welchen öffentlichen Aufgaben das Land festhalten und von welchen es sich trennen will.

Beispiel Berliner Wasserholding. Bis zum Jahresende soll die teilprivatisierte Firmengruppe umgebaut und wieder unter einem Dach geführt werden. Zu offenkundig hatten sich die beiden privaten Investoren RWE und Vivendi in der Vergangenheit gegenseitig blockiert. Außerdem kann sich das Land auf Dauer nicht leisten, dem Unternehmen permanent mit Bürgschaften zur Hilfe zu springen. Das heißt: Früher oder später dürfte sich das Land ganz zurückziehen. Nur wann? Auch die Berliner Hafen- und Lagerhaus Betriebe (Behala) mit ihren wertvollen Immobilien will der Senat bis Jahresende verkaufen. Allerdings erst einmal an sich selber. Denn die Behala soll in die Berliner Stadtreinigung (BSR) integriert werden. Das ist nicht unumstritten. Anstatt über noch mehr Effizienz bei Straßenreinigung und Müllbeseitigung nachzudenken, wird darauf spekuliert, mit Behala-Immobilien die Kassen aufzufüllen. Effizienz ist auch das Stichwort für die Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG), die sich verpflichtet hat, in eigener Regie die Kosten zu senken. Sehr weit ist man noch nicht.

Ein „Riesenstück Arbeit“ komme auf den neuen Wirtschaftssenator zu, sagt Jan Eder, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Berlin. „Der Neue muss alles privatisieren, was möglich ist.“ Und: „Der neue Senator darf den Flughafen auf keinen Fall erneut in Frage stellen." Das sieht Wolfram von Fritsch von der Hauptstadtmarketing-Gesellschaft Partner für Berlin genauso: „Der Flughafen muss so schnell wie möglich kommen.“

„Die Riesenprobleme, vor denen Berlin steht, erfordern einen besonderen Typ von Wirtschaftssenator“, sagt Jürgen Below, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Kienbaum. „Er muss ein erfahrener Manager sein, der angeschlagenen Unternehmen auf die Beine helfen kann, wissen, was sich Unternehmer wünschen und wie die Rahmenbedingungen aussehen sollen.“ Dazu gehöre auch ein besserer Service. „Die Entwicklung der Wirtschaftsförderung hin zu einer so genannten One-Stop-Agency muss weitergehen", verlangt Below. Berlin brauche eine zentrale Anlaufstelle für Investoren. Der dichte Berliner Verwaltungsdschungel wird von vielen Unternehmern als eines der Hauptärgernisse angesehen.

Eine sehr konkrete Vorstellung davon, wie der künftige Berliner Wirtschaftssenator aussehen soll, hat Oliver Borrmann, Vorstandsvorsitzender des Berliner Risikokapitalgebers BMP. „Wir brauchen eine Persönlichkeit wie Lothar Späth, jemanden, der sich sowohl in den Behörden auskennt als auch unternehmerisches Verständnis hat.“ Die größte Herausforderung des Nachfolgers von Gregor Gysi werde es jedoch sein, sowohl den Berlinern selbst als auch auswärtigen Investoren das Gefühl zu vermitteln, dass es aufwärts geht. „Es fehlt an Aufbruchstimmung“, sagt Borrmann, „wir sind zu wehleidig.“

Auch Alexander Olek, Chef von Epigenomics, einer der vielversprechendsten Biotech-Firmen Berlins, plädiert für einen unabhängigen Kandidaten als Nachfolger Gysis. „Ich wünsche mir einen professionellen Wirtschaftsmanager, der sich keinerlei Klientel verpflichtet fühlt. Jemand parteiloses, der auch noch andere Berufsaussichten hat, als Politiker. Alles weitere erledigt sich von selbst.“ Mit anderen Worten: Bloß keinen Bürokraten in der Bürokratie-Metropole.

Immer neue zeitraubende Anträge, an zu viele Adressen gerichtet, das hat nach Meinung von Matthias Faensen, Geschäftsführer der Life-Science-Beteiligungsgesellschaft Mediport Venture, schon manche junge Biotech-Firma davon abgehalten, sich trotz attraktiver Rahmenbedingungen in Berlin niederzulassen. Prominentestes Beispiel: Die GPC AG, einst Ausgründung aus einem Berliner Max-Planck-Institut, zog entnervt nach München-Martinsried. brö/mo/pet

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