Wirtschaft : Wer hat den Überblick über die weltweiten Kapitalströme?

ROLF OBERTREIS

Eine radikale Veränderung der internationalen Finanzarchitektur steht nicht auf der Tagesordnung."Es geht um die Frage, wie die Aktivitäten der Institutionen besser koordiniert werden können - vor allem im Hinblick auf mehr Transparenz an den Märkten und effizientere Aufsichtssysteme." Bundesbank-Präsident Hans Tietmeyer umschreibt nur vage, was er den Finanzministern der sieben wichtigsten Industrieländern (G 7) am Sonnabend während ihres Treffens auf dem Petersberg in Bonn vorschlagen wird.Aber fest steht: Um eine neue Mega-Institution wird es nicht gehen - eher um eine überschaubare Einrichtung, in der sich Vertreter der wichtigen Finanz- und Aufsichtsbehörden möglichst permanent austauschen und so frühzeitig mögliche Krisenherde lokalisieren.

Im Herbst haben die Finanzminister und Notenbank-Chefs den obersten deutschen Währungshüter Tietmeyer beauftragt, Wege aus dem Chaos hin zu einer besseren weltweiten Finanzaufsicht aufzuzeigen.Seitdem hat er sich bei den wichtigsten Institutionen schlau gemacht.Im Zuge seiner Recherchen dürfte er auf mehrere Schwachstellen gestoßen sein: Der Informationsfluß zwischen Internationalem Währungsfonds (IWF) und Aufsichtsbehörden ist trotz aller Krisen immer noch mangelhaft.Immer noch fehlen verbindliche Standards für die Regelung der nationalen Finanzaufsicht.

Reformen wären nach Ansicht von Experten vor allem für die Länder Südostasiens und Lateinamerikas und für Rußland notwendig.Nicht zuletzt arbeiten die Aufseher für Banken, Versicherungen und Wertpapierhäuser nebeneinander her, anstatt an einem Strang zu ziehen.Das Verhalten vieler Banken und Privatinvestoren, die Milliardenbeträge ohne jede Risikoabsicherung in den Immobilienmarkt gepumpt hatten, löste die Krise aus.Möglich war dies, weil eine Finanzmarktaufsicht fehlt: Niemand hat einen Überblick über die Geldströme, die hin- und hergeschoben werden.

Bundesbank-Präsident Tietmeyer wird sich bei seinen Vorschläge vermutlich an dem orientieren, was die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel (BIZ) schon seit langem fordert: 25 klare Regeln, nach denen die Bankenaufsicht in allen Ländern organisiert sein soll.Möglicherweise, so heißt es in Bankenkreisen, könne man einen Teil der Finanzhilfen des IWF an die Einhaltung dieser Grundprinzipien knüpfen.

Eine Risikomessung und Risikokontrolle gilt als wichtige Prävention bei Krediten und ganz besonders bei Engagements in den hochspekulativen Hedge-Fonds - etwa solchen milliardenschweren wie dem Long Term Credit Management, der im vorigen Jahr beinahe Pleite gemacht hätte.

Gerade im Zuge des Beginns der Turbulenzen an den Finanzmärkten Südostasiens war die Information innerhalb der einzelnen Länder und nach außen - etwa an den IWF - höchst dürftig.Vielleicht, so Commerzbank-Chefsvolkswirt Ulrich Ramm, sollte der IWF heikle Daten über einzelne Länder veröffentlichen.Mit einer derartigen neuen Offenheit ließe sich manches Problem schon im Ansatz eindämmen.

Transparenz und das Wissen um ökonomische Gegebenheiten, sagt auch Edgar Meister, Direktoriumsmitglied der Deutschen Bundesbank, "sollten dazu beitragen, daß sich Kreditgeber künftig weniger von Herdentrieben leiten lassen".

Überlegenswert wäre nach Ansicht von Bankern auch die Einrichtung einer internationalen Evidenz-Zentrale, so wie sie in vielen Industrieländern an der Tagesordnung ist.Dorthin sollten global tätige Banken, Wertpapierhäuser und Versicherungen Millionen- und Milliardenkredite genauso wie Engagements mit Finanzinstrumenten melden und offenlegen.Damit könnten sich Investoren ein genaueres Bild über Kreditnehmer und -geber verschaffen und die Risiken besser beurteilen.

Diskutiert wird spätestens seit der Asienkrise auch die stärkere Einbeziehung des Privatsektors in Krisenvorbeugung und -bewältigung.Nicht nur der IWF soll künftig Feuerwehr spielen, seine Anteilhalter, die Regierungen, und damit indirekt die Steuerzahler sollen nicht mehr alles bezahlen.Für einen "richtungsweisenden" Weg hält Bundesbankdirektor Meister die Einrichtung eines weltweiten Liquiditäts-Sicherungsfonds.Mit dem könnten sich Banken und Versicherungen gegenseitig helfen, wenn es eng wird.Commerzbanker Ramm hat freilich seine Zweifel: Schließlich koste so etwas Geld.

Über eines ist man sich in der Finanzszene auf jeden Fall einig: Neue Regulierungen für die Finanzmärkte sind tabu.Nach wie vor gilt der freie Kapitalverkehr als bester Weg zur Förderung der Weltwirtschaft."Soft self- regulation" soll in Zukunft im Vordergrund stehen: Finanzinstitute sollen sich selbst beschränken.Bislang hat dies freilich nicht immer funktioniert.Allerdings ist auch eine verbesserte Aufsicht kein Allheilmittel gegen neue Krisen: Ohne eine solide Wirtschafts- und Finanzpolitik oder politische Stabilität wird die Konjunktur auch nicht rund laufen.

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