Wirtschaft : Wer nichts hat, spart sich Aktien

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Von Henrik Mortsiefer

Wer hätte das gedacht: Die Deutschen kaufen wieder Aktien. Mitten in der tiefsten Vertrauenskrise, die die Börse seit Jahrzehnten erlebt, wagen die früheren Sparbuchbesitzer den Gang aufs glatte Parkett der Kapitalmärkte. Damit beweisen sie, dass Aktienkultur mehr ist als eine Wortschöpfung aus Boomzeiten. Die privaten Anleger handeln wie die Profis und haben im Herbst 2002 Aktien gekauft, als keiner sie haben wollte. Antizyklisch nennt man dieses Verhalten und es entspricht dem, was Anlageberater seit Jahren predigen. Erstaunlich dabei: Die großen Investoren wie Versicherer und Fonds haben genau das Gegenteil getan. Sie verkauften mitten im Abschwung – notgedrungen zwar, weil die Großen ihre Aktienbestände bereinigen mussten, um ihre Renditeversprechen einlösen zu können. Strategisch betrachtet lagen sie trotzdem falsch.

Davon haben sich die Kleinanleger aber nicht beeindrucken lassen. Sie haben – langfristig orientiert – gekauft, als die Preise niedrig waren. Alles in Ordnung also? Nicht, wenn man nach Ostdeutschland blickt. Dort hat sich ein Drittel der Aktionäre von der Börse zurückgezogen. Zählt man Fonds und Aktienbesitzer zusammen, sank ihre Zahl um fast drei Viertel. Die Begründung, im Osten sei die Risikobereitschaft kleiner, überzeugt dabei nicht. Die Aktienflucht der Ostdeutschen ist direkte Folge der katastrophalen Lage vieler Haushalte. So bitter das für die Betroffenen ist, belegt es doch eine Börsenregel. In Aktien sollte nur das Geld angelegt werden, das man übrig hat. Wer nichts hat, kann auch nichts riskieren – schon gar nicht an der Börse.

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