Wirtschaft : Wer pflegt die Eltern?

Lebensarbeitszeitkonto, Pflegepause und Senioren-Tagesstätte in Firmen: Wie sich Karriere und Kümmern vereinbaren lassen

Claudia Obmann
Entspannt. Wer für die Alten sorgt, muss in Zukunft nicht mehr zwangsläufig ganz aus dem Job aussteigen. Attraktive Teilzeitmodelle sollen es möglich machen. Foto: dpa
Entspannt. Wer für die Alten sorgt, muss in Zukunft nicht mehr zwangsläufig ganz aus dem Job aussteigen. Attraktive...Foto: REUTERS

Sie fühlen sich wie im Sandwich: eingeklemmt von Kindererziehung und der gleichzeitigen Pflege ihrer Eltern. Und auch der Beruf übt Druck aus. Die Ü30-Generation hat noch viel vor sich, denn die Zahl der Pflegefälle dürfte in den nächsten zehn Jahren von 2,25 Millionen auf drei Millionen steigen. Das Kümmern um die immer älter werdenden Senioren der Familie bedeutete oft: Gehaltseinbußen, Karriere-Aus, Rentenlücke.

Das soll sich mit dem neuen Familienpflegegesetz ändern. Demnach sollen Frauen und Männer ihre Arbeitszeit wegen häuslicher Pflegeaufgaben für maximal zwei Jahre bis auf die Hälfte reduzieren können, aber trotzdem 75 Prozent ihres Gehalts beziehen. Danach müssten sie wieder voll arbeiten, bekämen aber weiterhin nur drei Viertel ihres Gehalts – so lange, bis ihr Zeitkonto wieder ausgeglichen ist. Für ihre Pflegeleistung sollen Berufstätige außerdem Rentenansprüche erwerben. Während sich Familienministerin Kristina Schröder noch mit den Arbeitgeberverbänden um die Finanzierung des Gesetzes streitet, haben vorausschauende Chefs längst selbst flexible Lösungen für Mitarbeiter entwickelt, die sie nicht verlieren wollen.

Ob Jobsharing-Modell oder individuelle Freistellungs- und Beurlaubungsmöglichkeit – die renommierte Hertie-Stiftung hat am 11. Juni rund 300 Unternehmen, Hochschulen und staatliche Einrichtungen für ihre familienbewusste Personalpolitik zertifiziert. Sie alle beweisen, dass Familienfreundlichkeit keine Frage der Organisationsgröße ist. Denn unter den Teilnehmern finden sich internationale Konzerne wie Daimler, deutsche Assekuranzen wie die Ergo-Versicherungsgruppe und Mittelstandsvertreter wie das Medizinbedarfs-Unternehmen B.Braun Melsungen, aber auch Eigentümer kleiner Betriebe mit gerade mal 30 Mitarbeitern.

Zur Kategorie der Kleinunternehmen zählt das Stahlbauunternehmen Anton Schönberger, das die beiden Schwestern Andrea und Sabine Schönberger leiten. Sie übernahmen vor Jahren den Stahlbaubetrieb, als ihr Vater von heute auf morgen arbeitsunfähig wurde. Die Chefinnen aus Süddeutschland gelten als sehr innovativ in Sachen Pflegezeit: Sie bieten ihren Beschäftigten Lebensarbeitszeitkonten an.

Darauf lassen sich Mehrstunden und Urlaub unbegrenzt ansammeln. Mitarbeiter können ihr Guthaben für familiäre Belange abbauen und ihr Zeitkonto sogar überziehen. „Dank dieser Regelungen ist die Fluktuation bei uns nahe null und der Krankenstand niedrig“, sagt Sabine Schönberger.

Auch der Ergo-Versicherungsgruppe liegt die Zufriedenheit der Mitarbeiter am Herzen. Sie können sich seit geraumer Zeit zur Pflege eines Angehörigen freistellen lassen – ohne negative finanzielle Konsequenzen fürchten zu müssen. Denn das weiterlaufende Teilzeitgehalt lässt sich nach der familiären Auszeit nacharbeiten. Die so genannte Familienphase gliedert sich dazu in eine drei- bis zwölfmonatige Freistellungs- und eine entsprechend lange Arbeitsperiode. „Wir bieten unseren Mitarbeitern ein flexibles, so weit wie möglich auf ihr Privatleben angepasstes Arbeiten. Dadurch steigen Motivation und Zufriedenheit“, sagt Personalvorstand Ulf Mainzer. Das Interesse an solchen Angeboten nehme zu.

Erprobt ist auch das Familienteilzeitmodell von B. Braun in Melsungen. Seit 2007 stockt Firmenpatriarch Ludwig Georg Braun für diejenigen seiner knapp 40 000 Mitarbeiter, die für die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger ihre berufliche Tätigkeit auf die Hälfte reduzieren, das Gehalt freiwillig auf. In der Regel für bis zu drei Jahre um 15 Prozent, in langwierigen Fällen verlängert der Chef den Zuschuss aber auch auf bis zu fünf Jahre.

Dass es bei solchen Lösungen keineswegs um reine Menschenliebe geht, sondern sie sich durchaus für den Arbeitgeber rechnen, liegt auf der Hand. „Doch mit solchen Teilzeitlösungen kommt es auch für Fach- und Führungskräfte nicht mehr zum gefürchteten Karriereknick. Denn trotz ihres Pflegeeinsatzes bleiben sie fachlich im Thema und intern gut verdrahtet“, sagt Karin Peschl, Partnerin der Personalberatung Boyden Global Executive Search.

So innovativ die deutschen Modelle wirken mögen, anderswo, etwa im familienfreundlichen Skandinavien, sind sie schon längst Usus. Dort kennt man darüber hinaus auch schon Firmen-Seniorenheime – eine Idee, die Fraport-Arbeitsdirektor Herbert Mai nun als erster deutscher Personalvorstand hierzulande realisieren will. Eine passende Immobilie wird derzeit gesucht. Schon im Jahr 2011 will der hessische Flughafenbetreiber sein Tageszentrum in Frankfurt für rüstige Senioren eröffnen. Dann können die Angestellten des Airports dort ihre älteren Familienmitglieder – ähnlich wie Kinder in der firmeneigenen Tagesstätte – betreuen und verköstigen lassen.

Denn für das extrem standortgebundene Unternehmen Fraport ist das Familienbewusstsein der Belegschaft genauso wichtig wie wirtschaftlicher Erfolg und Wachstum. Um das Thema in der Arbeitskultur zu verankern, wurde es gerade zu einem der sechs wichtigsten Managementziele für die nächsten fünf Jahre erklärt. Überrascht war Herbert Mai über die positive Resonanz im Führungskreis.

Während seine früheren Bemühungen für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Kindern noch als „Privatsache“ abgetan wurden, reagierten seine Kollegen dieses Mal deutlich interessierter. Mais Fazit: „Jeder hat schließlich Eltern, für die sich eines Tages die Frage stellen könnte: Wer pflegt Vater oder Mutter? “

Claudia Obmann

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