Wirtschaft : Wer wird Europa-Banker?

Tauziehen um Besetzung der Spitzenposition geht weiter BONN (dpa).Das Rennen zwischen den beiden Kandidaten für das Amt des ersten Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) bleibt spannend.Koalitionskreise sowie auch Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber sind sich zunehmend sicher, daß sich der Mehrheitskandidat der EU-Länder, Wim Duisenberg, gegen den französischen Kandidaten Jean-Claude Trichet durchsetzen wird.Dies, so hieß es am Mittwoch in Bonn, wird dadurch unterstützt, daß Anfang Mai nicht nur diese Entscheidung neben dem Euro-Beschluß auf dem EU-Gipfel fallen soll, sondern zugleich in den Niederlanden gewählt werde.In Paris, wo sich innenpolitische Probleme auch beim Thema Euro verstärken, wird dagegen weiter für Trichet gekämpft. Kritik an Paris übte der französische Politologe und Publizist Alfred Grosser."Ich finde es ziemlich irrsinnig, Trichet zu nehmen", sagte Grosser im Saarländischen Rundfunk.Frankreich besetze bereits andere europäische Spitzenpositionen.Grosser unterstützte die französische Forderung, die europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht nur in die Hand der Zentralbank zu geben.Eine politische Koordination sei nötig.In Frankreich bestehe zurecht die Angst, daß die politische Macht in Europa künftig von der Zentralbank ausgehe. In Bonner Regierungskreisen wurde ausdrücklich ausgeschlossen, daß es bei der Entscheidung der Staats- und Regierungschefs am 2.Mai in Brüssel einen dritten Kandidaten geben werde.Zugleich hatte die EU-Kommission noch einmal die rechtliche Auffassung bestätigt, daß eine Halbierung und Aufteilung der achtjährigen Amtszeit auf Duisenberg und Trichet nicht in Frage komme.Diese Position vertrat auch Italiens Haushaltsminister Carlo Azeglio Ciampi in der Wochenenzeitung "Die Zeit".Zur Untermauerung der französischen Position behauptete der frühere Chef der Osteuropabank, Jacques Attali, den Personalfragen liege ein deutsch-französischer Kompromiß mit einem Junktim zugrunde.Es habe zwei informelle Abkommen gegeben, sagte Attali im Sender "France-Inter", erstens, daß die Osteuropabank in London dauerhaft von einem Franzosen geleitet werde, und zweitens, daß der EZB von Beginn an ebenfalls ein Franzose vorsitze.Als Gegenleistung sei Frankfurt als Sitz der Bank gewählt worden.Über beide Kompromisse habe ihn damals der inzwischen verstorbene Präsident Francois Mitterrand informiert.Bundeskanzler Helmut Kohl hatte dieser Version erst am Vortag in einer Anhörung von Bundestagsausschüssen ausdrücklich widersprochen.Die Abstimmung über den EZB-Standort Frankfurt sei niemals mit einer Zusage an die Franzosen für die Besetzung des Direktoriums verbunden gewesen.Das habe damals deutlich auch Mitterrand ausgesprochen.Kohl hatte in der Anhörung erklärt, er sei "absolut sicher", daß am Abend des 2.Mai die Entscheidung über den EZB-Präsidenten fallen werde - "und zwar einvernehmlich".In Regierungskreisen hieß es nun, Kohl werde als "ehrlicher Makler und Brückenbauer" auftreten.

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