Werbeblatt "TIP der Woche" : Kaufland kündigt 55.000 Mini-Jobbern

In den Augen der Gewerkschaft Verdi ist es eine der größten Massenentlassungen. Ein zur Kaufland-Gruppe gehörender Verlag kann an der Kündigung von zehntausenden Zustellern nichts Schlechtes erkennen.

Ben Schröder
Oftmals quillt der Briefkasten über von Werbung. "TIP" ist nur eines von zahlreichen Werbeblättern.
Oftmals quillt der Briefkasten über von Werbung. "TIP" ist nur eines von zahlreichen Werbeblättern.Foto: dpa

Der zu Kaufland gehörende Tip Werbeverlag kündigt die Minijob-Verträge von rund 55.000 Austrägern der Kundenzeitung „TIP der Woche“. Das teilte das Unternehmen am Donnerstag mit. Betroffen sind demnach auch etwa 100 Angestellte in der Verwaltung der Werbezeitung, rund 20 am Standort Dallgow bei Berlin.

Die Gewerkschaft Verdi bezeichnete den Schritt des Verlags in einer ersten Reaktion als „wahrscheinlich größte Massenentlassung in der Geschichte der Bundesrepublik“. „Für die Entlassungen sehen wir absolut keine Notwendigkeit. Kaufland versucht hier die Gewinne weiter zu steigern“, sagte Verdi-Sprecher Andreas Henke. Er warf dem Unternehmen Profitgier vor.

Verdi: Stellen werden einfach wegfallen

Zum 1. November dieses Jahres vergibt Kaufland die Verteilung von „TIP der Woche“ vollständig an externe Dienstleister, zum Beispiel andere Verlage. Schon jetzt würden bereits 40 Prozent der Auflage durch eben solche Dienstleister zugestellt, erläuterte das Unternehmen. Bisherige Austräger könnten sich bei den künftigen Dienstleistern bewerben.

Gewerkschafter Henke hingegen befürchtet, dass die 55.000 Mini-Jobs einfach wegfallen. Neueinstellungen bei den Dienstleistern werde es vermutlich nicht geben, weil die dort beschäftigten Austräger einfach den „TIP“ gemeinsam mit anderen Blättern verteilen würden.

Verlag: Orga-Aufwand ist zu hoch

Tip-Sprecherin Andrea Kübler verteidigt die Entlassungen. „Der Aufwand für die Organisation der Austräger ist seit der Expansion von Kaufland zu stark gestiegen.“ Der Verlag gehört zur Kaufland-Gruppe, die 2012 bei rund sechs Milliarden Euro Umsatz einen Überschuss von 285 Millionen Euro erzielte. Betroffen sind vor allem Schüler und Rentner.

Ein Austräger erhalte wöchentlich im Durchschnitt rund 17 Euro Lohn, so Kübler. In Gewerkschaftskreisen wird vermutet, dass die Entlassungen mit dem gesetzlichen Mindestlohn zusammenhängen, der im kommenden Jahr in Kraft tritt. Kaufland bestreitet das.

30 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben