Wirtschaft : Werbewirtschaft liebt das Privatfernsehen aus Köln

ANTJE KULLRICH

Der Privatsender RTL verbucht ein Gewinnplus von 18 Prozent / Werbeumsatz weit vor der Konkurrenz / Sport fährt Verlust einVON ANTJE KULLRICH KÖLN.Die Reparatur eines Fußballtores fesselte am Mittwoch abend beim Champions League-Halbfinale gut zehn Millionen Fernsehzuschauer.Das erstaunte bei der gestrigen Bilanzvorlage sogar den scheidenden RTL-Chef Helmut Thoma, dessen Sender bei der Übertragung der über eine Stunde dauernden Handwerkerarbeiten einen Marktanteil von 32,5 Prozent erreichte.Das folgende Fußballspiel sahen nur noch neun Millionen Fans. Der Sport jedoch ist trotz hoher Einschaltquoten nicht die Ursache, daß der Kölner Privatsender wirtschaftliche Erfolge feiert und bei dem Vergleich der Werbeumsätze weit vor den Konkurrenten Pro 7 und Sat 1 liegt.Im vergangenen Jahr nahm RTL gut 2,2 Mrd.DM ein und verzeichnete mit 9,2 Prozent ein um zwei Prozentpunkte höheres Wachstum als der Rest der Branche.Über einen noch größeren Sprung konnten sich die Fernsehmacher vom Rhein beim Gewinn freuen.Der stieg um satte achtzehn Prozent auf 170 Mill.DM.Der Sport fährt dennoch Verluste ein: Hier liegen die Kosten pro Sendeminute mit fast 20 000 DM um ein Vielfaches über dem Durchschnitt, der im gesamten Programm im vergangenen Jahr 4300 DM betrug."Fußball kann man heute nur noch aus Prestigegründen ins Programm nehmen", erklärt Thoma angesichts von Länderspielpreisen von 9 Mill.DM pro Übertragung."Das können Sie durch keine Werbung wieder reinbekommen." Und die Formel 1 mache nur Überschüsse, weil RTL die Rechte gekauft habe, bevor jemand an das Interesse der TV-Gucker geglaubt habe. Der gute Riecher des Österreichers Thoma ist wohl mitverantwortlich dafür, daß die Kölner in der Zuschauergunst im fünften Jahr in Folge ganz oben liegen.Mit 16,1 Prozent Marktanteil schnitt sich RTL im vergangenen Jahr das größte Stück vom Fernsehkuchen ab. Besonders stolz ist Thoma auf den Erfolg bei den jüngeren Zuschauern, was handfeste wirtschaftliche Gründe hat.Denn die Zielgruppe der 14- bis 49jährigen ist für die Werbewirtschaft am interessantesten."Für die über 50jährigen gibt kaum ein Werbetreibender eine müde Mark aus.Das Terrain ist außerdem schon vom ZDF besetzt", kommentiert der Chef, der vor bissigen Spitzen auf die Konkurrenz nicht zurückschreckt.Bei den jüngeren Fernseh-Fans belegt sein Sender mit 18,5 Prozent unangefochten die Spitzenposition. Thoma, der zum 1.November seinen Stuhl für Gerhard Zeiler räumt, zieht zufrieden Bilanz seiner Karriere: "Ich habe praktisch alles erreicht - Marktführer, größter Werbeträger in Europa, Grimmepreise.Was will man mehr." Dem folgt ein nostalgischer Rückblick auf die erste Zeit: "Als wir als kleiner Sender in Luxemburg anfingen, hatten wir einen Sendemast und sonst nichts.Leo Kirch dagegen hatte 15 000 Spielfilme." Mitte der 80er Jahre stieg mit Bertelsmann ein finanzstarker Konzern ein.1984 zog der Privatsender an den Rhein.Von da an ging es steil bergauf.Seit 1990 fährt RLT Gewinne ein.Der Fernsehsender hat sich zum Medienkonzern entwickelt, zu dem mittlerweile 16 Tochterfirmen gehören.Die Zahl der Beschäftigten, die in der Mitte der 90er Jahre konstant bei 800 lag, hat sich im vergangenen Jahr um 10 Prozent erhöht.Daneben schätzen die Kölner die Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze durch Aufträge an eigenständige Produktionsfirmen auf 2900. Nur mit der Rentabilität seines Ziehkindes ist Thoma noch nicht ganz zufrieden.Die Umsatzrendite von 7,6 Prozent ist noch weit von den angestrebten 10 entfernt."Doch immerhin", so der Chef, "liegen wir damit noch über den Zahlen vom gesamten Bertelsmann-Konzern." Mit Genugtuung blickt Thoma auch auf den erfolgreichen Imagewechsel vom Tutti-Frutti-Sender zum seriösen Informationskanal.Fast jeder Vierte zwischen 14 und 49 schaut als Hauptnachrichtensendung RTL Aktuell.Aus wirtschaftlicher Sicht, so Informationsdirektor Hans Mahr, sei es schade, daß man nicht mit Werbung unterbrechen dürfte. "Den erfolgreichen Programm-Mix wollen die Kölner beibehalten.Vor allem Eigenproduktionen sollen den Zuschauer zum Einschalten bewegen.Die kosteten den Fernseh-Macher aus der Domstadt 1997 gut 1,1 Mrd.DM, allein 230 Mill.DM entfielen auf den Sport.Eine ähnliche Summe soll auch im laufenden Jahr investiert werden, wobei der Sender verstärkt auf Actionserien setzen will. Und was macht Helmut Thoma, wenn er den Posten an der Spitze seines Lebenswerkes räumt? "Der Aufsichtsratsvorsitz bei RTL wird mich nicht auslasten", kündigte der 58jährige an.Zu seinen weiteren Plänen jedoch wollte er sich nicht konkreter äußern.

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