Wirtschaft : Werbewirtschaft will sich nichts verbieten lassen Branche rechnet 2002 mit erneutem Umsatzeinbruch

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Berlin (mot). Die deutsche Werbewirtschaft rechnet in diesem Jahr mit einem erneuten Rückgang der Umsätze von drei bis fünf Prozent. „Wir werden im zweiten Halbjahr nicht das aufholen, was wir seit Jahresanfang verloren haben“, sagte Volker Nickel, Sprecher des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft (ZAW) am Dienstag in Berlin. Im Jahr 2001 wurden in Deutschland insgesamt 31,5 Milliarden Euro in Werbung investiert. Das waren fünf Prozent weniger als im Vorjahr. Die Medien hatten daran einen Anteil von 70 Prozent (21,7 Milliarden Euro). „Erst im kommenden Jahr dürften wir wieder mit einem Prozent im Plus liegen“, glaubt Nickel. Besonders hart seien die Tageszeitungen und Zeitschriften vom Rückgang der Werbeumsätze betroffen. Die Branche verbucht nun im zweiten Jahr rückläufige Investitionen in Werbung.

Angesichts der massiven Einbrüche warnt der ZAW vor neuen Werbeverboten, die einige Medien in ihrer Existenz bedrohen könnten. ZAW-Präsident Hans-Henning Wiechmann präsentierte am Dienstag ein „Schwarzbuch Werbeverbote – Deformation der Marktwirtschaft“. Darin greift die Werbebranche insbesondere die Europäische Werberechtsordnung an, mit der die EU-Kommission einen „Schutzraum für lebensuntaugliche Konsumenten“ schaffen wolle, so Wiechmann. Der falsch verstandene Verbraucherschutz der Brüsseler Bürokratie gefährde die direkt oder indirekt mit der Werbeindustrie verbundenen Branchen. Die Umsatzeinbußen für die Medien bezifferte Wiechmann auf rund 3,6 Milliarden Euro, wenn die Werbung für Tabak, Alkohol, Spielzeug, Autos und rezeptfreie Arzneimittel eingeschränkt würde. Insgesamt hängen nach Berechnung des ZAW die Arbeitsplätze von 18,3 Millionen Angestellten und Arbeitern von Werbeinvestitionen ab. Bis Anfang August sei allein in den Medien 4183 der rund 45000 fest angestellten Journalisten gekündigt worden.

„Karrikatur des Konsumtrottels“

„Werbeverbote mitten in der Rezession sind anachronistisch“, sagte der ZAW-Präsident. Die Bundesregierung habe sich zwar in der Vergangenheit gegen eine Überregulierung der Werbemärkte in der EU eingesetzt. Beim Verbot von Alkohol- und Tabak-Werbung im Kino sei der Bund aber hinter seinen Ankündigungen zurück geblieben. „Wissenschaftlich ist erwiesen, dass der Alkoholkonsum in Deutschland ständig rückläufig ist – obwohl die Werbeausgaben kräftig gestiegen sind“, sagte Wiechmann. Die Wirtschaft fordere von der Politik deshalb ein „Ende der Diskriminierung von Marktkommunikation“.

Es gehöre zu den latenten Widersprüchen der Verbraucherschutzpolitik, dass der Bürger – vor allem im Wahlkampf – einerseits als Souverän umworben werde, ihm in Sachen Werbung aber letztlich die „Karikatur des Konsumtrottels“ unterlegt sei. Dies betreffe vor allem den Umgang mit Werbung für Tabak und Alkohol, Lebensmittel oder Autos. In Brüssel werde auch ein generelles Werbeverbot im Umfeld von TV-Kinderprogrammen erwogen. Ein solches Verbot werde zum drastischen Abbau von Kinderprogrammen führen, warnte Wiechmann, der von „Zensur durch Geldentzug“ sprach. Die Wirtschaft sei zu freiwilligen Selbstbeschränkungen bereit – etwa durch den Deutschen Werberat – sie lehne allerdings eine „behördliche Werbezensur“ ab.

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