Werksbesichtigung : Philipp Rösler und die Schokoladenfabrik

Die Hersteller wollen die EU-Zuckerquote möglichst lang aufrecht erhalten, die Abnehmer nicht. Wirtschaftsminister Rösler informiert sich bei Lemke in Berlin. Ein Ortstermin.

Bojan Jurczyk
Das ist Marzipan? Minister Rösler zu Besuch bei der Firma Lemke.
Das ist Marzipan? Minister Rösler zu Besuch bei der Firma Lemke.Foto: dpa

Berlin - Ein bisschen kommt sich Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) wohl vor wie der kleine Charlie in der Schokoladenfabrik. Der süße Duft von Mandeln, Haselnüssen und Schokolade liegt in der Luft. Etwas altmodisch erscheinende Rührmaschinen wälzen riesige Berge von Nougat und Marzipan um. Schoko-Wasserfälle wie im Film bekam der Minister beim Betriebsbesuch der Marzipan- und Nougatfabrik Lemke am Freitag in Britz aber nicht zu sehen. Doch schließlich war der Grund, warum Rösler dem Berliner Traditionsunternehmen einen Besuch abstattete, auch nicht Schokolade, sondern Zucker.

„Die europäische Zuckerquote verknappt das Angebot künstlich und lässt die Preise in die Höhe schnellen“, sagte Geschäftsführer Jan Hell. „Dieses System gehört abgeschafft.“ Der Süßwarenhersteller hatte den Minister gemeinsam mit der zuckerverarbeitenden Industrie eingeladen, um mit ihm über die Liberalisierung des europäischen Zuckermarkts zu diskutieren.

„Ich freue mich, die Lage der Süßwarenindustrie einmal direkt vor Ort mitzuerleben“, sagt Rösler, bevor er sich in einem etwas zu groß geratenen Kittel auf den Weg durch die Produktionshallen macht. Hell erklärt die Produktionsabläufe von Marzipan, Persipan, Nougat und sonstigen Füllmassen, die das familiengeführte Unternehmen seit über 110 Jahren herstellt. Rund 12 000 Tonnen von der süßen Masse produziert Lemke pro Jahr. Von den Rührmaschinen und den badewannengroßen Töpfen ist Rösler sichtlich beeindruckt. Vor den meterhohen Zuckersilos macht die Gruppe eine Pause.

Der europäische Zuckermarkt wird derzeit noch durch die sogenannte Zuckerquote beschränkt. Sie sieht vor, dass heimische Produzenten nur 85 Prozent der Menge liefern dürfen, die einheimische Schokoladen-, Keks- oder Eisfabriken benötigen. Die restlichen 15 Prozent müssen aus bestimmten Entwicklungsländern importiert werden. Doch die können die benötigten Mengen oft nicht liefern. Der restliche Weltmarkt, auf dem sich die Hersteller bedienen könnten, ist durch hohe Schutzzölle von der EU abgeschottet. „Ich bin überzeugt, dass mehr Wettbewerb auf dem Zuckermarkt der richtige Weg ist“, sagt Rösler. Das Signal des europäischen Agrarrats für eine baldige Abschaffung der Zuckermarktverordnung sei daher zu begrüßen.

Dass die europäische Zuckerquote abgeschafft wird, gilt ohnehin als beschlossene Sache. Lediglich der Zeitpunkt ist umstritten. Die Zuckerverwender, zu denen beispielsweise auch Getränkehersteller gehören, fordern eine Abschaffung der Quote bereits ab 2015. Damit liegen sie auf einer Linie mit der EU-Kommission. Doch die deutschen Zuckerhersteller verlangen einen Fortbestand der Regel bis 2020.

Nordzucker, Südzucker sowie Pfeifer & Langen haben den Markt unter sich aufgeteilt. An mehr ausländischer Konkurrenz haben sie naturgemäß kein Interesse. Der Minister schlägt einen Kompromiss vor. „Damit die Erzeugerseite genug Zeit hat, sich auf den größeren Wettbewerb einzustellen, halte ich einen Ausstieg bis September 2017 für gut vertretbar“, sagt Rösler. Am Ende des Arbeitsbesuches – auf dem Arm einen leicht deformierten Marzipanbären – wirkt Rösler fast glücklich. Als hätte sich ein Kindheitstraum erfüllt. Bojan Jurczyk

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