Wirtschaft : Werkschließung am 31.12. ist sicher - 140 Mitarbeiter werden ihre Arbeitsplätze verlieren

Maren Peters / Corinna Visser

So, wie Draguljup Buvac da am Tisch sitzt, würde er vielleicht auch in seine Neuköllner Eckkneipe gehen. In seinem Trainingsanzug aus Fallschirmspringerseide sitzt er entspannt auf dem gepolsterten Holzstuhl, die Rechte umklammert ein Bier, vor ihm steht ein voller Aschenbecher. Und auch die hochgelegten Füße in Turnschuhen deuten nicht eben darauf hin, dass Buvac gerade seiner geregelten Arbeit nachgeht.

Auch der zweite Kollege am Tisch macht einen recht entspannten Eindruck. Trotz der Rauchverbotsschilder, die überall in der Werkshalle hängen, zieht Bodo Heymann genüsslich an einer Zigarette. Anbrennen kann im Moment ohnehin nichts: Die Maschinen, an denen Heymann normalerweise Kabel mit einem Plastikmantel überzieht, stehen still. Allein die bunten "IG-Metall"-Luftballons, die an einem Rohr an der Wand hängen, deuten darauf hin, dass hier bis morgens um sechs noch gestreikt wurde.

Fünf Wochen lang hatten Heymann und Buvac zusammen mit rund 180 Kollegen das Neuköllner Werk des Alcatel-Kabelwerkes besetzt, um gegen die angekündigte Schließung zu protestieren. Immer wieder waren sie von Spitzenpolitikern wie Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), PDS-Fraktionschef Gregor Gysi und dem künftigen SPD-Generalsekretär Franz Müntefering besucht worden. Genützt hat es nichts. Zum 31. Dezember dieses Jahres wird das Werk, das seit Jahren schwarze Zahlen schreibt, die Tore endgültig dichtmachen. Nur der Vertrieb für den deutschsprachigen Raum und Osteuropa soll mit 35 Beschäftigten noch von Berlin aus gesteuert werden. Die Produktion dagegen wird komplett nach Frankreich verlagert. 140 Kabelwerker werden ihren Arbeitsplatz verlieren.

"Man muss es mit Galgenhumor nehmen", sagt Heymann, der seit 17 Jahren bei Alcatel in Neukölln arbeitet. Fast jede Nacht hatte der 53-Jährige während der Betriebsbesetzung in einer Hängematte zwischen den Maschinen geschlafen. Andere Kollegen hatten sich Holzpaletten auf den Boden gelegt und darauf ihren Schlafsack ausgebreitet. Sie alle stehen am 1. Januar 2000 ohne Job da.

Gewerkschaft, Betriebsrat und Vertreter von Alcatel hatten den ganzen Sonntag über die Zukunft des Werks und vor allem der Arbeiter verhandelt. Noch am Abend fand eine Betriebsversammlung statt, auf der sich die Mitarbeiter zu rund 90 Prozent entschlossen, die Konsensvereinbarungen anzunehmen - auch wenn es das Ende ihres Werkes bedeutet. "Viele Kollegen waren einfach erleichtert, dass es vorbei ist", sagt Jürgen Kehnscharper, der während der Besetzung das aus Spenden finanzierte Essen organisiert hat. "Den Leuten wurde es einfach zu viel." Der Neuköllner war gerade zu Hause, als ihn die Nachricht erreichte. "Die Unternehmensleitung hat uns ein gutes Angebot unterbreitet, da konnten wir schlecht nein sagen", sagt der 35-jährige Gewerkschafter. Das Ultimatum von Alcatel sei bis Sonntagnacht, 24 Uhr, gelaufen. "Wenn wir weitergemacht hätten, hätten die jede Verhandlung abgebrochen und wären auf Kampflinie gegangen."

"Wir haben unser Ziel nicht erreicht", räumt Betriebsratschef Wolfgang Klose ein. "Natürlich bekommen wir eine Abfindung, aber irgendwann ist das Geld weg. Arbeitsplätze wären uns lieber gewesen." Trotzdem sah er keine Chancen für einen weiteren Kampf: "Alcatel hätte uns ausgehungert." Einen Teilerfolg können die Arbeiter immerhin für sich verbuchen: "Wir bekommen eine vernünftige Auffanggesellschaft", sagt Klose. Arno Hager, der für die IG Metall mit am Verhandlungstisch saß, geht davon aus, dass 100 bis 120 Arbeiter in die Beschäftigungsgesellschaft übernommen werden. Hager hofft, dass 80 Prozent davon wieder einen regulären Job bekommen. Seinen Kollegen Bodo Heymann kann das nicht trösten. "Ich habe doch keine Chance mehr in meinem Alter", sagt er.

Offiziell waren die Alcatel-Mitarbeiter ab Montag sechs Uhr wieder bei der Arbeit, auch wenn sie zunächst nur damit beschäftigt waren, ihre Schlaflager, die Tischtennisplatte, Fernseher und Stühle wegzuräumen, mit denen sie sich während der Werksbesetzung die Zeit vertrieben haben. Erst zur Frühschicht am heutigen Dienstag um sechs Uhr sind die Maschinen wieder angelaufen. Wenn sie Ende Dezember endgültig abgeschaltet werden, kommen die meisten der Kabelwerker zunächst für 24 Monate in Qualifizierungsmaßnahmen unter. "Aber für welchen Beruf sollen wir uns denn noch qualifizieren?", fragt Kehnscharper. "Die meisten von uns gehen davon aus, dass sie Ende des Jahres in Rente gehen."

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