Wirtschaft : Werner Goldberg

Geb. 1919

Gregor Eisenhauer

Er war groß, blond, blauäugig – und rettete seinen Vater aus der Rosenstraße. Es geht die Legende, dass zehn Gerechte genügen, um eine Stadt vor dem Untergang zu retten. In Berlin gibt es vierzig, die so genannten Stadtältesten, das sind Bürger, die sich mehr als zwanzig Jahre um die Stadt verdient gemacht haben, oder um die Partei. Als Dank gewährt Berlin freie Fahrt mit der BVG, die kostenlose Zustellung des Amtsblattes und ein Ehrengrab.

Werner Goldberg war einer von ihnen. Einer, der Glück hatte, dass Berlin ihm nicht zum Verhängnis geworden war.

Nach der Machtergreifung der Nazis eilte der Direktor des Grunewald-Gymnasiums, eine vollständige Erfassung der nicht-arischen Schüler zu erstellen. Schon 1935 konnte er stolz vermelden, seine Schule sei judenfrei.

Und der Pastor, für den Werner Goldberg Sonntag für Sonntag Geld sammelte, ließ verlauten, dass seine Dienste nunmehr unerwünscht seien. Nur die Wehrmacht wollte ihn und brachte in der Soldatenzeitung ein großes Foto: „Der ideale deutsche Soldat.“ Groß, blond, blauäugig – und „Halbjude“. Letzteres ersparte ihm den Tod im Feld. Denn ehe es zu ernsten Kampfhandlungen kam, wurde er unehrenhaft entlassen.

Seinen Bruder, dunkelhaarig und kleiner von Statur, hatte man derweil in ein Arbeitslager eingewiesen. Dessen Freundin von Grunewald aus nach Auschwitz deportiert, ein mutiger Eisenbahner brachte den Abschiedsbrief.

Der Vater Werners wartete in der Rosenstraße auf den Abtransport – und wurde von seinem Sohn befreit, ein Schulkamerad tat Dienst dort. Die Familie überlebte den Krieg in ihrer Wohnung, jahrelang wussten sie nicht, warum sie eigentlich bleiben durften. Der SS-Arzt unter ihnen hatte, sei es aus Sympathie oder Bequemlichkeit, in der Spitzelkartei vermerkt: „kann wohnen bleiben“.

Die russischen Befreier kamen, der Vater zeigte seinen Judenstern und erhielt eine Ohrfeige. Werner wurde die Mütze des geflohenen SS-Arztes aufgesetzt, sie passte, er sollte erschossen werden. In letzter Sekunde rettete ihn ein Russisch sprechender Mitbewohner. Die Briten lösten die Russen ab – und warfen die Familie aus der Wohnung. Der schwerkranke Vater, den „arische“ Ärzte nicht hatten behandeln wollen, starb, nicht zuletzt am Kummer, nun doch auf der Straße zu stehen.

Das Glück für die Familie war, dass in diesen Tagen des Neuanfangs gar keine Zeit blieb, alle Tragödien zur Kenntnis zu nehmen oder sich eindringlicher des Umstands zu erinnern, dass man mitten unter den Tätern lebte.

Essen musste organisiert werden, Wohnraum, Kleidung. Kommunale Basisarbeit. Das war seine Berufung von der ersten Stunde an. Nicht als Berufspolitiker. Er war Abgeordneter, aber nebenher. So wie er nebenher Brandmeister in Schmargendorf war oder Vorsitzender im Rundfunkmuseum, vertreten in vielen Ausschüssen und Verbänden, darunter der ihm wichtigste: Die „Arbeitsgemeinschaft der Vertretungen politisch, rassisch und religiös Verfolgter“.

Noch kurz vor seinem Tod saß er an der Schreibmaschine. Kaum ein Mensch in Berlin, der kein Gedicht von ihm erhalten hat, denn nahezu alle Geschäfts- und Privatkorrespondenz verfasste er in Reimen. Ohne Humor ist das manchmal nicht zu ertragen: die Enttäuschung darüber, dass mit den Opfern die Täter nicht aussterben. Der Ärger über die Verlautbarungsrhetoriker, die nicht begreifen wollen, dass das „Wehret den Anfängen“ Arbeit vor Ort ist. Und die Wut über politische Heuchelei. Denn wie kann es sein, so seine ständige Mahnung, dass Stasiagenten großzügig verrentet wurden, während man gleichzeitig im Senat darüber nachdachte, das Gesetz zur Zahlung von Renten an die Verfolgten des Nazi-Regimes aufzuheben.

Werner Goldberg hat für seinen Einsatz nahezu alle Ehrungen erhalten, die zu vergeben waren; aber eine, erst nach seinem Tode verliehene, würde ihn mit besonderem Stolz erfüllt haben: Er war der fairste Skatspieler Berlins.

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