Werner Wenning : Das breite Kreuz von Bayer

Bayer-Vorstandschef Werner Wenning nimmt Abschied von der Spitze. Er wäre gern als Aufsichtsrat geblieben. Doch eine neue Klausel gegen Postengeschacher verhindert dies.

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Gute Bilanz. Werner Wenning gibt nach acht Jahren den Chefposten bei Bayer ab.
Gute Bilanz. Werner Wenning gibt nach acht Jahren den Chefposten bei Bayer ab.Foto: ddp

Er hatte eigentlich schon ein halbes Jahr früher aufhören wollen. Es ist also nicht das Aufhören an sich, das ihm gegen den Strich geht. Aber zwei Dinge stören Werner Wenning gewaltig. Da ist vor allem die Sache mit dem Aufsichtsrat. „Ich hätte das gerne gemacht“, sagt der scheidende Vorstandschef des Bayer-Konzerns und schaut schmal lächelnd durch seine randlose Brille. „Aber es gibt eine Regelung. Die wird akzeptiert. Es ist, wie es ist.“

Gemeint ist der Paragraph 100 des Aktiengesetzes, der seit einem Jahr vorschreibt, dass jemand kein Aufsichtsrat einer börsennotierten Gesellschaft sein darf, der „in den letzten Jahren zwei Jahren Vorstandsmitglied derselben börsennotierten Gesellschaft war“. Wenning will diese Klausel, die Postengeschacher verhindern soll, bis heute nicht verstehen. „Das Unternehmen zu kennen, die Märkte zu kennen – was ist dagegen zu sagen?“ Zwar gibt es eine Klausel, mit der Bayer das Gesetz umgehen könnte, dafür wäre aber die Zustimmung von einem Viertel des stimmberechtigten Aktienkapitals nötig. Der öffentlichen Diskussion mag man sich in Leverkusen nicht stellen und so behält Wenning zwar ein Büro auf dem Werksgelände, aber keinen krönenden Posten zum Abschluss einer Karriere, wie sie heute kaum mehr vorstellbar ist.

In zwei Wochen übergibt er an Marijn Dekkers, in fünf Wochen feiert er seinen 64. Geburtstag. Um die Bilanz seiner 44 Bayer-Jahre zu ziehen, hat er rund zwei Dutzend Journalisten in die holzgetäfelten Räume des Vorstandskasinos eingeladen. Hier, in seiner Heimatstadt Leverkusen, bei Bayer, hat der breitschultrige Zwei-Meter-Mann einst eine Lehre als Industriekaufmann begonnen, weil das nicht so weit weg war von zu Hause und weil ihm Mathe besonders lag. Die Mutter war nicht dafür, obwohl die Lehre mit einer Skifreizeit im Sauerland begann. „Wenn ich auf meine Mutter gehört hätte, wäre ich Finanzbeamter geworden.“ Doch die Leverkusener Wurzeln stehen bei Wenning nicht für Provinzialismus. Er hat die Welt gesehen, wurde 1970 nach Peru entsandt. „Wo ich auch hinkam, das Bayer-Kreuz war schon da.“ Er war es, der Englisch zur offiziellen Konzernsprache machte. So steht seine Ausdrucksweise dem Jargon junger Hochschulabsolventen – er selbst hat nie studiert – in nichts nach. Da wird der Wettbewerb der Best in Classes gepriesen und für den Ausgleich der Interessen aller Stakeholder plädiert.

Viel Gefühl lässt Wenning nicht raus. „Es hat mir, wenn ich alles zusammenfasse, unheimlich viel Spaß gemacht“, ist seine etwas blasse Formel für diese 44 Jahre. Aber die unternehmerische Bilanz zieht er präzise. Eine Holding hat er aus Bayer gemacht und durch Milliardenzukäufe – besonders Schering in Berlin sieht er als „weiterführende und prägende Akquisition“ – eine tiefe Krise des Unternehmens überwunden. Denn Bayer stand stark in der Kritik, als Wenning vor gut acht Jahren den Vorstandsvorsitz übernahm. Nach einer Reihe von Todesfällen hatte der Konzern damals den Cholesterinsenker Lipobay vom Markt genommen, der Aktienkurs war im Keller.

Wenning sieht sich als jemand, der nachhaltig Wert geschaffen hat. Gradmesser sind für ihn neben den Ertragsgrößen das Forschungsbudget von derzeit mehr als drei Milliarden Euro pro Jahr und die nach dem Schering-Kauf wieder zurückgefahrene Verschuldung. „Eins wollte ich nie: von den Banken abhängig sein.“ Nachhaltig soll auch seine Präsenz bleiben – er behält ein Büro auf dem Werksgelände. Er wolle „so ein bisschen aktiv im Wirtschaftsleben bleiben“, sagt er tiefstapelnd. Bei diversen anderen Unternehmen – die Deutsche Bank und der Energiekonzern Eon sind die größten – sitzt er im Aufsichtsrat, außerdem im Präsidium des Verbands der Chemischen Industrie.

Auf seinen Nachfolger, den Niederländer Marijn Dekkers, lässt er nichts kommen. „Er ist eine gute, eine sehr gute Wahl“, sagt Wenning, bleibt aber etwas wortkarg. Dekkers, der sich seit Anfang des Jahres auf seine neue Aufgabe vorbereitet und zuletzt den US-Konzern Thermo Fisher führte, verkörpert eine neue, ganz andere Generation. Als Chemiker und Manager hat er in den USA Karriere gemacht, er sieht sich als europäischen Amerikaner, vor allem aber kommt er von außen. Alle drei Vorstandschefs vor ihm waren Bayer-Gewächse.

Am 1. Oktober übergibt Wenning seinem Nachfolger den Stab, und zwar im Wortsinn. Aus Makrolon, einem in den 50er Jahren entwickelten Bayer-Werkstoff, ist das Stück, und es enthält ein paar handschriftliche Zeilen an Dekkers. Schon zum vierten Mal wird der Stab übergeben. Wenning bekam von seinem Vorgänger Manfred Schneider nur zu lesen, dass er die notwendigen Fähigkeiten habe, das Unternehmen zu führen. Die Botschaft an Dekkers bleibt vorerst geheim. „Wenn er Ratschläge bräuchte, wäre er der Falsche“, sagt Wenning nur.

Die Sache mit dem Aufsichtsrat ist das eine, das ihn ärgert. Das andere ist, dass Bayer Leverkusen in seiner Amtszeit nicht deutscher Meister geworden ist, und jetzt kommt noch die neue Verletzung von Michael Ballack dazu. „Das ist schon hart für ihn“, sagt Wenning über den pechgeplagten Kapitän der Nationalmannschaft. „Wir schaffen unsere Ziele trotzdem. Wir werden trotzdem deutscher Meister.“ Insgeheim scheint Wenning zu hoffen, dass für diese Ansage eine kürzere Frist gilt als bei der zweijährigen Karenzzeit für den Aufsichtsrat.

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