Wirtschaft : Werner wirft das Handtuch

Mercedes-Chef geht vorzeitig / Machtpoker bei Daimler-Benz entschieden Stuttgart(AP).Mercedes-Chef Helmut Werner wird den Stuttgarter Automobilhersteller vorzeitig verlassen.Wie die Mercedes-Mutter Daimler-Benz am Donnerstag mitteilte, hat der 60jährige Manager das Präsidium des Daimler-Aufsichtsrats am Donnerstag darüber informiert, daß er seine Ämter anläßlich der am 23.Januar bevorstehenden Daimler-Aufsichtsratssitzung niederlegen werde.An diesem Tag entscheidet das Gremium über die vom Vorstandsvorsitzenden Jürgen Schrempp vorgelegte Neustrukturierung des größten deutschen Industriekonzerns. Mit seinem vorzeitigen Ausscheiden zog Werner die Konsequenzen aus dem monatelangen Machtpoker um den Umbau des Unternehmens.Er hatte sich für die weitgehende Eigenständigkeit der umsatz- und ertragsstärksten Daimler-Tochter eingesetzt.Schrempps Pläne sehen jedoch vor, daß Mercedes-Benz nach achtjähriger Eigenständigkeit mit der Daimler-Holding verschmolzen und künftig zentral von der Konzernleitung geführt wird.Neben dem Mercedes-Vorstand sollen gleichzeitig auch Teile der bisherigen Führungsebenen der Luft- und Raumfahrttochter Dasa und des Dienstleistungsunternehmens debis entfallen, die ebenfalls eng an die Daimler-Spitze angebunden werden. In der offiziellen Stellungnahme aus Stuttgart heißt es, Werner sehe keine Möglichkeit, seine industrielle Erfahrung im Rahmen der neuen Konzernstruktur in der bisherigen Weise einzubringen.Die diskutierten Angebote für die Übernahme einer neuen Verantwortung im Daimler-Vorstand seien dem von ihm selbst gestellten Anspruch nicht gerecht geworden.Weiter teilte Daimler mit, daß die neue Konzernstruktur jetzt auch die Zustimmung von Werner finde.Die Bedeutung des Geschäfts der bisherigen Mercedes-Benz AG für den Gesamtkonzern werde durch die Integration der bisherigen Mercedes-Vorstände für Personenwagen, Nutzfahrzeuge und Vertrieb in die neue Daimler-Führung zum Ausdruck gebracht. "Präsidialausschuß des Aufsichtsrats und Vorstand der Daimler-Benz AG respektieren die persönliche Entscheidung von Helmut Werner und danken ihm für seine hervorragende Leistung für den Konzern", hieß es.Daimler werde Werner bei der Erfüllung seiner Aufgaben als Aufsichtsratsvorsitzender der Weltausstellung Expo 2000 in Hannover auch künftig unterstützen.Unbestätigten Informationen zufolge soll Werner der Ausstieg mit einer Abfindung in zweistelliger Millionenhöhe versüßt werden. Dem Vernehmen nach soll die Eingliederung von Mercedes in die Daimler-Holding zum 1.April erfolgen.Dem neuen zehnköpfigen Daimler-Vorstand sollen neben Schrempp die Mercedes-Manager Jürgen Hubbert (Personenwagen), Kurt Lauk (Lastwagen) und Dieter Zetsche (Vertrieb) sowie Dasa-Chef Manfred Bischoff und der debis-Vorstandsvorsitzende Klaus Mangold angehören.Manfred Gentz, bislang für Finanzen und Personal zuständig, soll künftig nur das Finanzressort leiten.Die direkt geführten Geschäftsbereiche und Beteiligungen bleiben aller Voraussicht nach bei Eckhard Cordes.Für die Besetzung der Bereiche Personal sowie Forschung und Entwicklung sollen angeblich Mercedes-Personalvorstand Heiner Tropitzsch und das stellvertretende Mercedes-Vorstandsmitglied Klaus-Dieter Vöhringer im Gespräch sein. Helmut Werner haßt Klimaanlagen.In seinem Büro hat er das Kühlgerät abgestellt, seine Leibwächter müssen im Sommer im gepanzerten Dienstwagen schwitzen.Ebenso konsequent hat Werner Mercedes eine neue Strategie verordnet, die etwa zur Entscheidung führte, künftig Autos in der Golf-Klasse zu bauen.Doch obwohl der 60jährige in knapp vier Jahren Mercedes aus den Verlusten steuerte und für den Mutterkonzern Daimler-Benz Milliardenprofite einfuhr, ist er im Machtkampf bei Daimler unterlegen. Werner kam 1987 als Quereinsteiger zu Daimler und erhielt direkt einen Posten im Vorstand.Der Chef des Reifenherstellers Continental war dem damaligen Deutsche-Bank-Chef und Daimler-Aufsichtsratsvorsitzenden Herrhausen aufgefallen, der den quirligen Werner nach Stuttgart holte und ihn dort mit dem Nutzfahrzeugressort betraute.Nicht wenige vermuten, daß Herrhausen Werner auch für die Nachfolge von Edzard Reuter auf dem Daimler-Chefsessel ausgesucht hatte. 1993 wurde Werner Chef von Mercedes.Dort räumte der als rheinische Frohnatur geltende Manager mit einigen Tabus auf: Zahlreiche neue Modelle wurden entwickelt, darunter das begehrte neue Cabriolet SLK.Selbst die Produktion von Autos im Ausland ging er an.Und nicht zuletzt die gemeinsam mit dem Schweizer Swatch-Uhren-Erfinder Nicolas Hayek realisierte Entwicklung des Kleinwagens Smart gehört zu Werners Verdiensten. Als 1994 die Auswahl des Nachfolgers von Edzard Reuter anstand, fiel die Wahl dennoch auf Schrempp, nicht auf Werner.Schon nach dieser Entscheidung pochte Werner auf mehr Eigenständigkeit für Mercedes.Dieselben Argumente wiederholte er auch bei der Debatte um eine neue Struktur für den Konzern.Vergeblich.Nun geht der Manager vorzeitig.Sein Vertrag als Mercedes-Chef wäre Ende 1997, sein Vertrag als Mitglied des Daimler-Vorstands erst Ende 1999 ausgelaufen.

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