Wirtschaft : Wertpapier-Analysten: David schlägt Goliath

Tobias Moerschen

Wer die meisten Analysten beschäftigt, bietet noch lange nicht die besten Prognosen. Das ergab ein Bankenvergleich des Londoner Instituts AQ Publications. Dabei erreichten kleine Analystenhäuser Spitzenplätze, während Finanz-Riesen wie Morgan Stanley und Credit Suisse First Boston weit abgeschlagen auf den hinteren Rängen landeten. Die besten Prognosen für europäische Aktiengesellschaften stammen der Studie zufolge von der international wenig bekannten Fortis-Bank aus Belgien. In Deutschland belegten kleine Bankhäuser fünf der ersten sechs Plätze.

Das Schwergewicht Deutsche Bank kam dagegen deutschlandweit nur auf Platz 17 - weit hinter vielen kleinen Konkurrenten wie der Privatbank Delbrück, der Frankfurter BfG-Bank und dem Münchner Bankhaus Merck Finck. Die Commerzbank schnitt mit Rang 21 noch schlechter ab. Privatanleger können die Ranglisten als Hintergrundinformation nutzen, um Urteile einzelner Institute besser einzuordnen - auch wenn sich die Gesamtplatzierung einer Bank keineswegs auf jeden Einzelfall übertragen lässt. Als Grundregel gilt jedoch: Masse und Reputation garantieren zumindest bei Analystenschätzungen noch keine Klasse. Bleibt die Frage, warum so viele renommierte Schwergewichte beim AQ-Analystenranking schlecht abschneiden. "Viele Großbanken ändern ihre Prognosen häufiger als kleine Institute", sagt Graham Field, Chef von AQ Publications, "das führte mit zu den schlechten Platzierungen". Die Ranglisten von AQ basieren auf Ertragsprognosen je Aktie, wobei neben der Treffgenauigkeit auch Kontinuität zählt. Je öfter die Analysten ihre Zahlen ändern, desto schlechtere Noten bekommen sie. Christoph Bruns, Leiter des Fondsmanagements beim Vermögensverwalter Union Investment, teilt die Kriterien von AQ: "Wir investieren langfristig, deshalb brauchen wir verlässliche Prognosen", sagt er. Auch für Privatanleger, die oft nicht von jeder Änderung einer Gewinnschätzung erfahren, ist Kontinuität wichtig. Um so erstaunlicher erscheint es auf den ersten Blick, dass Großbanken ihre Prognosen häufiger als die kleinen Häuser korrigieren. Bruns vermutet als einen Grund Interessenkonflikte zwischen Investoren und Firmenkunden der Banken. Unternehmen wünschen sich regelmäßige und vor allem positive Analystenberichte.

Top-Banken engagieren sich stark im Firmenkundengeschäft mit Börsengängen, Anleihe-Platzierungen und Beratung bei Fusionen und Übernahmen. Deshalb sind sie von Interessenkollisionen stärker betroffen als Privatbanken, bei denen Investmentbanking-Aktivitäten meist keine große Rolle spielen. "Diejenigen Banken, deren Analysen weniger von der Firmenkundenabteilung beeinflusst werden, haben beim AQ-Ranking offenbar besser abgeschnitten", bestätigt Richard Greer, zuständig für die Research-Arbeit der Commerzbank. Mit dem sechsten Platz seines Hauses auf der Europa-Rangliste von AQ sei er zufrieden, sagt Greer. Bei der Analyse deutscher Unternehmen müsse die Commerzbank aber noch besser werden.

Aktienstratege Bernd Meyer von der Deutschen Bank relativiert hingegen die Bedeutung akkurater Ertragsprognosen für die Analysearbeit. "Institutionelle Investoren bewerten das gar nicht so stark", sagt Meyer. Das zeigten Umfragen des Magazins Institutional Investor und Reuters. Danach gewichten Fondsmanager Kriterien wie Branchenkenntnis und gute Investmentideen stärker als treffgenaue Gewinnschätzungen.

Als möglichen Grund für das schlechte Abschneiden seines Hauses im deutschen AQ-Ranking nennt Meyer die globale Vereinheitlichung des Deutsche-Bank-Researchs. Um die Prognosen weltweit vergleichbar zu halten, würden einige nationale Besonderheiten bei der Bilanzlegung nicht berücksichtigt - was möglicherweise zu stärkeren Abweichungen der Gewinnschätzungen führe. Feine Unterschiede zwischen den Ertragsprognosen der Banken, etwa zwischen Schätzungen vor beziehungsweise nach Goodwill-Abschreibungen würden zudem von den Datenbanken möglicherweise nicht korrekt erfasst, betont Meyer.

Großbanken schneiden indessen nicht nur im Analystenranking von AQ schlecht ab. Auch auf den jährlichen Ranglisten des Manager Magazins erreichen kleine Research-Teams Spitzenplätze. So siegten im vergangenen Jahr kleine Häuser in drei der vier Kategorien des Bankenvergleichs. Im Bereich Dax-Werte etwa belegte die sechsköpfige Analyseabteilung der Hamburger Sparkasse (Haspa) Platz eins, während die Experten der Deutschen Bank abgeschlagen auf dem zwölften Platz landeten. Ganz oben auf dem Siegertreppchen stand die Deutsche Bank dagegen beim jüngsten Analystenranking der Agentur Reuters. Nach Einschätzung der befragten Fondsmanager deckt das Frankfurter Institut den europäischen Markt am besten ab, gefolgt von UBS Warburg, Dresdner und Commerzbank. Die Konkurrenz kleiner Privatbanken brauchten die Branchenführer beim Reuters-Ranking nicht zu fürchten: Sie kamen in der Umfrage gar nicht vor.

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