Wirtschaft : Wertpapierhandel: Auch Mauerblümchen-Aktien haben Chancen

pga

Die im Dunkeln sieht man nicht. Es gibt eine Reihe von Aktien, die ein Schattendasein führen, dazu gehören zum Beispiel die Papiere von Bau- oder Textilkonzernen. Bankanalysten konzentrieren sich oft auf die großen Werte aus dem deutschen Aktienindex (Dax), die mittleren Werte im M-Dax oder auf Wachstumstitel am Neuen Markt. Schon aus Kapazitätsgründen beobachten sie kleinere Unternehmen häufig nicht. Interessierte Anleger müssen hier selbst recherchieren, wenn sie sich ein Urteil über diese Papiere verschaffen wollen. Genaues Hinschauen aber lohnt sich.

"Unter den so genannten Mauerblümchen gibt es eine ganze Reihe solider Werte", sagt Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre in Frankfurt (Main). Ihrer Meinung nach bietet sich beispielsweise bei dem Automobilzulieferer Bertrandt ein "relativ stabiles und solides Dauerinvestment" an. Zum Teil erwiesen sich gerade kleinere Werte als resistenter gegen starke Kurseinbrüche. Vor diesen seien schließlich auch die vermeintlich Großen im Rampenlicht nicht gefeit, sagt Keitel mit Blick auf die Talfahrt der T-Aktie und Titeln am Neuen Markt wie Intershop oder EM.TV.

Allerdings lauern bei Aktien, nach denen sich kaum jemand umdreht, auch Gefahren. Keine Coverage - also keine fortlaufende Begleitung durch Analysten - bedeutet nämlich auch weniger Nachrichten zu diesen Werten. Dadurch wiederum ziehen die Mauerblümchen weniger Kaufinteresse auf sich und die Kurse sinken. "Sollte es negative Entwicklungen bei diesen Unternehmen geben, werden die Anleger vielleicht gar nicht oder zu spät gewarnt", sagt Helmut Seidenstücker, Leiter der Abteilung Anlagestrategie bei M.M. Warburg.

Mangelnde Beachtung durch Analystenhäuser kann aber auch noch andere Ursachen haben. Bauaktien beispielsweise befinden sich nur in wenigen Indizes. "Dadurch, dass sie nicht im europäischen Aktienindex Euro-Stoxx vertreten sind, fällt die Nachfrage von institutioneller Seite her weg, und die Kurse sinken weiter. Fonds, die nur die Indizes nachbilden, lassen die Bautitel außen vor", erklärt Analystin Christiane Nestroy von der Hypo-Vereinsbank.

Profis sind eher an liquiden Aktien interessiert, an Titeln die in großer Stückzahl gehandelt werden, weil sie diese leichter in größerem Umfang an der Börse kaufen beziehungsweise verkaufen können. Und wenn von den Institutionellen keine Nachfrage nach Analysen kleinerer Werte besteht, gibt es eben auch kein Angebot.

Eine Pflicht für Analysten, Aktien ständig zu beobachten und zu begleiten, besteht aus wertpapieraufsichtsrechtlicher Sicht nicht, sagt Regina Nößner vom Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel. Mindestens einen Bericht gibt es aber immer, nämlich dann, wenn das Papier an die Börse gebracht wird. Auch Betreuer für Titel am Neuen Markt müssen lediglich die Kurse stellen. Investor Relations seien eine freiwillige zusätzliche Dienstleistung, heißt es bei der Deutschen Börse.

Mauerblümchenaktien fallen häufig bei den Analysten durchs Raster, wenn sie eine geringe Marktkapitalisierung oder wenig Streubesitz aufweisen. Für Johannes Reich vom Bankhaus Metzler können weitere K.o.-Kriterien sein, wenn für einen Wert wenig Wachstumspotenzial besteht oder das Unternehmen seine Investor-Relations-Arbeit nicht selbst erledigt. Es gebe auch Fälle, in denen externe Investor-Relations-Agenturen anfragten, ob für eine bestimmte Aktie die Beobachtung aufgenommen werden könne. Auf diese Weise sei bei Metzler allerdings noch kein Unternehmen in die Watchlist aufgenommen worden, sagt Reich. Fragten hingegen institutionelle Kunden eine Coverage nach, liege der Fall anders, wie etwa bei EM.TV. Inzwischen sei hier die ständige Beobachtung aber wieder aufgegeben worden. "Was die uns erzählt haben, war einfach nicht mehr überprüfbar."

Jürgen Callies, Leiter Research der Hypo-Vereinsbank, rät Privatanlegern mit Interesse für Nebenwerte eher zu Fonds, die sich auf Small Caps spezialisiert haben. Dort seien die Anlagen auf verschiedene Titel breit gestreut, Risiken könnten so minimiert werden. Zunehmend gibt es auch immer mehr spezialisierte Research-Anbieter wie SES Research oder Equinet, die den Banken die erste Reihe überlassen und sich für ihre Analysen kleinere Werte herauspicken. Allerdings arbeiten sie nur für institutionelle Kunden.

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