Wirtschaft : WestLB-Manager der Untreue verdächtig

Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Ex-Vorstände wegen eines schief gegangenen Milliardengeschäfts in London

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Düsseldorf (cd/HB). Die durch Milliardenverluste geschwächte WestLB bleibt unter Druck. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft bestätigte gestern „den Anfangsverdacht einer Untreue im Zusammenhang mit dem Engagement der WestLB bei dem britischen Unternehmen Boxclever“. Keine Stellung wollte der leitende Oberstaatsanwalt Bernhard Englisch zu Details der Untersuchung oder verdächtigen Personen nehmen.

Im Visier der Ermittler stehen laut Finanzkreisen die Vorstände, die vor drei Jahren das Geschäft mit der britischen FernsehLeasingfirma Boxclever abnickten. Dies sind neben dem heutigen Vorstandschef Johannes Ringel seine beiden Vorgänger Jürgen Sengera und Friedel Neuber. Mit dabei waren außerdem die amtierenden Vorstände Adolf Franke und Gerhard Roggemann. Weiter gehörten dem Gremium damals Hans Henning Offen, Wolf Prautzsch und Rudolf Holdijk an. Letzterer musste nach einem Steuerermittlungsverfahren gehen. Unklar ist, ob gegen die Investmentbankerin Robin Saunders ermittelt wird. Sie hatte den Boxclever-Deal eingefädelt.

Die Staatsanwaltschaft war Ende Juni von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht in Bonn (BaFin) eingeschaltet worden, die die riskante WestLB-Kreditvergabe an Boxclever unter die Lupe genommen hatte. Die Berichte der Sonderprüfer von Ernst&Young legten erschreckende Fehler der WestLB-Verantwortlichen bei Anbahnung und Abwicklung des Boxclever-Geschäfts bloß. Sie hatten zahlreiche Warnsignale für den bedenklichen Zustand dieses Engagements ignoriert.

So tauchte Boxclever in den Risikoberichten der neuntgrößten deutschen Bank bis Ende März 2003 überhaupt nicht auf. Nachträglich musste die WestLB ihre Bilanz korrigieren, ein gutes Viertel des Jahrsverlustes für 2002 von 1,7 Milliarden Euro entfiel allein auf Boxclever. Bankchef Jürgen Sengera und Vorstand Andreas Seibert mussten auf Druck der Finanzaufsicht gehen. Die BaFin sah sich veranlasst, die Prüfakten der Staatsanwaltschaft zu übergeben. „Dies geschieht nur in Einzelfällen“, sagt eine Sprecherin. Jährlich führt die Aufsicht rund 400 Sonderprüfungen bei Banken durch.

Eine Sprecherin der WestLB-Mutter Landesbank NRW betonte, amtierende Vorstände der Landesbank seien nicht von den Ermittlungen betroffen. Das nordrhein-westfälische Finanzministerium wollte das Vorgehen der Staatsanwaltschaft nicht kommentieren. Das Land ist größter Anteilseigner der Bank, neben den Sparkassen und Landschaftsverbänden. Die WestLB erklärte, sie habe der Staatsanwaltschaft ihre Zusammenarbeit angeboten. Die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens sei auf Grund der Komplexität des Engagements bei der Bank aber nichts Ungewöhnliches.

„Dummheit nicht strafbar“

Sollte die Staatsanwaltschaft den Verdachtsvorwurf der Untreue erhärten, drohen den WestLB-Managern im Falle einer Verurteilung Haftstrafen von bis zu fünf Jahren. Voraussetzung für deren Verurteilung wäre allerdings, dass sie bewusst falsche Entscheidungen getroffen hätten. Dieser Nachweis sei nur sehr schwer zu erbringen, heißt es in Bankenkreisen. „Keinem Verdächtigen wird persönliche Untreue vorgeworfen, und Dummheit ist schließlich nicht strafbar“, heißt es im Umfeld der Düsseldorfer Bank. Hier wird auch großer Wert auf die Tatsache gelegt, dass nicht gegen die WestLB, sondern nur gegen einzelne Personen ermittelt wird. Trotz der erneuten Negativschlagzeilen drängen Verantwortliche auf eine Klärung der Vorwürfe.

„Die Anklage gehört zum notwendigen Reinigungsprozess für die alte WestLB“, heißt es. Ziel müsse es schließlich sein, dem kommenden WestLB-Chef Thomas Fischer zum Jahreswechsel eine von Risiken befreite Bank zu übergeben. Endgültige Klarheit über weiteren Wertberichtigungsbedarf für Engagements der WestLB erwarten Verantwortliche von dem dritten Prüfbericht der BaFin, der soll im Dezember erscheinen. Neues zu Boxclever wird der Bericht laut Finanzkreisen aber nicht bieten – der Fall sei aufsichtsrechtlich abgeschlossen, heißt es.

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