Wirtschaft : Wetten auf die Kanzlerin

Im Internet kann man auf alles Mögliche setzen – auch auf den Ausgang der Wahl. In Deutschland ist das verboten – noch

Corinna Visser

Die einen standen auf dem Petersplatz in Rom und warteten auf den weißen Rauch. Die anderen zockten. Sie saßen vor ihren Bildschirmen und verfolgten die Quoten. 3:1 bot der irische Buchmacher Paddy Power für das Ereignis „Joseph Kardinal Ratzinger wird der neue Papst“. Damit war Ratzinger Favorit der Buchmacher. Der Erfolg hat sie offenbar beflügelt, bei Paddy Power im Internet kann man bereits heute auf den Nachfolger von Benedikt XVI. wetten. Die katholische Kirche findet solche Wettangebote geschmacklos. In Deutschland sind sie illegal. Doch viele erwarten, dass das streng reglementierte Wettgeschäft hier zu Lande bald gründlich aufgemischt wird. Beim Bundesverfassungsgericht steht noch in diesem Jahr die Entscheidung an, ob der Markt liberalisiert wird und private Anbieter zugelassen werden müssen. In jedem Fall erwarten die Buchmacher eine kräftige Belebung des Geschäfts durch die Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr. Auch auf den Ausgang der Bundestagswahl kann heute schon gewettet werden.

Im Prinzip ist der Wettmarkt in Deutschland ein staatliches Monopol. So darf etwa nur der Lotto- und Totoblock mit Oddset Sportwetten anbieten. Die Begründung für die Beschränkung: „Wegen der doch erheblichen Gefahren in diesem Bereich hält aus guten Gründen der Staat schützend seine Hände über das Glücksspiel“, wie es der baden-württembergische Finanzminister Gerhard Stratthaus in der vergangenen Woche – im Einverständnis mit all seinen Länderkollegen – formulierte. Da das Glücksspiel offensichtlich eine große Faszination ausübe, soll mit dem staatlich reglementierten Angebot der Spieltrieb der Bürger „kontrolliert und kanalisiert“ werden.

Und der Staat verdient gut daran. Im Jahr 2004 nahmen die Bundesländer insgesamt knapp 4,5 Milliarden Euro aus Glücksspielen ein. Ein ganz erheblicher Teil dieser Einnahmen ist zweckgebunden und geht an soziale und kulturelle Einrichtungen und an Sportorganisationen. 2004 flossen allein mehr als 500 Millionen Euro aus den Kassen der Lotto- und Totto-Gesellschaften in die Sportförderung.

Doch Oddset hat längst private Konkurrenz. Private Buchmacher durften–aus Tradition – schon immer legal Pferdewetten anbieten, aber eben nur Pferdewetten. Hinzu kommen eine Hand voll Wettbüros, die ihre Lizenz noch in der ehemaligen DDR erworben haben. Ob sie legal bundesweit Sportwetten anbieten dürfen, darüber wird auch vor Gericht heftig gestritten. Viel größer jedoch ist die Konkurrenz durch ausländische Anbieter. Die kann jeder über das Internet erreichen oder über eine der immer größer werdenden Zahl von Wettagenturen (derzeit gibt es etwa 1200), die als Vermittler für ausländische Anbieter auftreten. Die haben meist eine Lizenz aus Österreich, Malta oder Gibraltar, zahlen deutlich niedrigere Steuersätze und keine Abgabe für Kultur oder Sport. Die Ausschüttungsquote bei Oddset liegt daher nur bei 55 Prozent, private Anbieter schütten bis zu 90 Prozent an die Wetter aus.

Rund 480 Millionen Euro setzte Oddset 2004 um, schätzungsweise eine Milliarde Euro Umsatz machten private Anbieter. „Der deutsche Markt steckt noch in den Kinderschuhen“, sagt Marcus Meyer, Direktor bei Bet-And-Win. Das Unternehmen, das eine alte DDR-Lizenz hat, ist nach eigenen Angaben in Deutschland Marktführer bei Wetten über das Internet oder das Handy. Die Partnergesellschaft sitzt in Österreich, wo der Markt weniger streng reglementiert ist, und setzte vergangenes Jahr 855 Millionen Euro um, mehr als doppelt so viel wie 2003. Wie hoch der Umsatz in Deutschland war, weist das Unternehmen nicht aus. Aber Deutschland sei der wichtigste Markt von Bet-And-Win, sagt Meyer. Eben weil er – im Gegensatz etwa zu Großbritannien – noch schwach entwickelt ist, wächst er enorm. Im ersten Quartal 2005 steigerte Bet-And-Win europaweit seinen Umsatz im Vergleich zum Vorjahresquartal um 220 Prozent. „Sie können davon ausgehen, dass die Zuwachsraten auch in Deutschland in diesem Bereich lagen“, sagt Meyer.

Der Wettskandal um manipulierte Fußballspiele durch Schiedsrichter Robert Hoyzer hat dem deutschen Wettgeschäft eher genutzt als geschadet, sagt Norman Albers, Vorsitzender des Deutschen Buchmacherverbands. „Sportwetten sind so erst in den Blickpunkt des Interesses geraten.“ Während Oddset sich durch private Konkurrenz bedrängt sieht, gehen die Buchmacher davon aus, dass der Markt insgesamt so stark wächst, dass alle Anbieter davon profitieren. Und natürlich profitieren sie von Ereignissen wie der Fußball-WM. Schon der Confederations Cup macht den sonst schwachen, weil fußballfreien Juni für die Buchmacher erträglicher. Doch sie wollen mehr. „Wir wollen selbst Sportwetten anbieten und nicht nur Vermittler für ausländische Anbieter sein“, sagt Albers. Die Verdienstmöglichkeiten als Vermittler sind beschränkt. Sobald die Liberalisierung und Rechtssicherheit da sind, will Buchmacher Albers investieren. „Für diesen Wachstumsmarkt finde ich sofort einen Finanzdienstleister.“ Dabei ist Albers dafür, den Markt weiter strengen Regeln zu unterwerfen. An Döner-Buden mit angeschlossenem Wettbetrieb haben auch die Buchmacher kein Interesse.

Die Prognosen, wie das Verfassungsgericht entscheiden wird, gehen je nach Interessenlage in die eine oder andere Richtung. Einige erwarten, dass die Richter erst nach der WM 2006 entscheiden werden, um Oddset (immerhin nationaler Förderer der WM) und damit dem Staat das Geschäft nicht zu verderben. Hubertus Barth vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln geht davon aus, dass die Liberalisierung kommt. „Das strenge staatliche Monopol im Wettbereich ist nicht mehr gerechtfertigt“, sagt er. „Es gibt Maßnahmen, die weniger tief in den Markt eingreifen, um der Geldspielsucht entgegenzuwirken.“

Im Internet kann man längst auf ganz andere Ereignisse wetten als Pferderennen oder Fußball – zum Beispiel auf das Wetter, den Dax oder die Handyweitwurf-Meisterschaft. In der Politik herrscht zwar weitgehend Einigkeit: „Ein gewisses staatliches Monopol sollte man beim Glücksspiel beibehalten“, sagt der sportpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Klaus Riegert. Und die Wetter gehen mit einer Quote von 1,02:1 davon aus, dass das Ereignis „Deutschland bekommt eher eine Kanzlerin, als dass die deutschen Herren Fußball-Weltmeister werden“ eintritt. Doch ob der Markt liberalisiert wird, hängt vom Spruch der Verfassungsrichter ab.

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