Wirtschaft : Wie auf einem Basar

Enorme Rabatte ködern die Kunden /Nach dem schwachen Jahresbeginn soll der Frühling die Wende bringen

Alfons Frese

Jürgen Schrempp zauderte. Was denn nun ein „leichter Anstieg“ des Gewinns konkret bedeute, wurde der Daimler-Chrysler-Chef immer wieder auf der Bilanzpressekonferenz am vergangenen Donnerstag gefragt. Nein, eine Prognose sei beim besten Willen nicht möglich, antwortete der Automanager und verwies dabei auf den dramatisch schlechten Jahresauftakt: Im Januar hatten die Deutschen zwölf Prozent weniger Autos gekauft als ein Jahr zuvor. Nach diesem miesen Start ins Autojahr hielt sich Schrempp lieber bedeckt – und prognostizierte immerhin für 2005 und 2006 deutlich steigende Gewinne des deutsch-amerikanischen Konzern. Aber wie wird 2004?

Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) ist schon qua Amt zum Optimismus verpflichtet. Den schlechten Januar „hatten wir erwartet“, sagte Gottschalk dem Tagesspiegel. „Derzeit sieht der Auftragseingang schon wieder besser aus.“Auch der Nürtinger Autoprofessor Willi Diez gibt Entwarnung. Den Januar solle man „nicht überinterpretieren“. Auch deshalb nicht, weil viele Hersteller im Dezember „noch mal auf die Tube gedrückt haben“ und mit Verkaufshilfen den Absatz ankurbelten. Diez erwartet in diesem Jahr 3,40 Millionen Neuzulassungen in Deutschland, der Verband der Automobilindustrie 3,35 Millionen. Das wäre immerhin noch eine Steigerung um 100000 gegenüber dem Vorjahr. Jetzt sehnt die gesamte Branche den Frühling herbei. Im März, so das Kalkül von Herstellern und Händlern, zieht der Verkauf langsam an und beschleunigt sich dann in den folgenden Monaten. Auch deshalb, weil Gottschalk zufolge „das Preis-Leistungsverhältnis so gut wie noch nie ist“.

Das kann man wohl sagen. Der Autokäufer kann sich über einzigartige Rabatte freuen, bis zu 15 Prozent des Listenpreises werden bisweilen erlassen. „Noch nie wurden neue Modelle wie der Golf mit Jubiläums-Angeboten kurz nach Markteinführung gepushed“, wundert sich der Gelsenkirchener Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Angeblich wegen des 30 Golf-Geburtstags gibt VW dem Golf-Käufer die Klimaanlage gratis – das macht immerhin rund 12000 Euro aus. „Der Markt steckt voller Aktionen“, sagt Dudenhöffer, und meint Frühbucherrabatte (Opel Astra, Smart Forfour), enorme Preissenkungen über Tageszulassungen (Renault) oder die Übernahme der Versicherung (Ford). Selbst die Premiumhersteller, die eine Schnäppchenpolitik normalerweise nicht nötig haben, arbeiten nun mit Anreizen. Mercedes etwa bietet für die A-Klasse sehr günstige Finanzierungen an – im Herbst kommt die neue A-Klasse, vorher muss das alte Modell noch unter die Leute gebracht werden.

Autopräsident Gottschalk ist gar nicht glücklich über die Rabatte, die die Gewinnmargen der VDA-Mitgliedsfirmen drücken. „Werbekampagnen wie ,Geiz ist geil’ haben bei uns eine Basarmentalität gefördert, die gefährlich ist“, sagt Gottschalk und warnt die Autofahrer. „Dem Schnäppchenpreis am Anfang steht ein schmerzhafter Preisabschlag beim späteren Wiederverkauf gegenüber.“ Der ADAC spricht inzwischen von amerikanischen Verhältnissen in Deutschland. In den USA hatten die drei großen Hersteller (General Motors, Ford und Chrysler) kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 den Markt mit Verkaufshilfen stabil gehalten. Doch die Preisabschläge wurden immer höher und betragen inzwischen nicht selten 4000 Dollar. Von der „süßen Droge“ Rabatt spricht deshalb Gottschalk: Weil der Kunde auf noch größere Preiszugeständnisse hofft, wartet er erstmal mit dem Kauf. Aber Gottschalk glaubt an die heilende Wirkung des Aufschwungs: „Mit der anziehenden Konjunktur wird sich die Lage wieder entspannen.“ Also vielleicht schon im Frühling.

Im vergangenen Jahr wurden hier zu Lande nur 3,25 Millionen neue Autos gekauft. Deutlich zu wenig, sagt Autoprofessor Diez, der allein das „Ersatzpotenzial“ mit 3,5 Millionen veranschlagt. Danach müssten also jedes Jahr 3,5 Millionen alte Pkw durch neue ersetzt werden. Aber weiter mit Rabatten. Da der englische Markt nach drei starken Jahren nun schwächer werde und Frankreich und Italien schwach blieben, sei „der deutsche Markt für viele Hersteller sehr wichtig“ – und werde mit Preisnachlässen unter Dampf gehalten. Und 2005, wenn alle Hersteller mit deutlich anziehenden Verkäufen rechnen, sieht Diez den deutschen Markt nur bei 3,5 Millionen – anders als sein Kollege Dudenhöffer, der dann 3,75 Millionen erwartet. Fast so viel wie im letzten guten Autojahr 1998.

Dafür müssten sich im Kaufverhalten allerdings noch viel ändern. VDA-Präsident Gottschalk hat festgestellt, dass „der ,floor traffic’ in den Showrooms der Händler kräftig zugenommen hat.“ Allein: „Der Kunde zögert noch mit seiner Unterschrift.“ Die Gründe dafür sieht der oberste Autolobbyist vor allem bei der Politik und nicht bei den Herstellern, die reichlich attraktive neue Produkte auf den Markt gebracht hätten. Der Verbraucher aber habe „keinen konkreten Überblick, welche Be- oder Entlastungen letztlich mit den Reformen verbunden sind“.

Wie verkaufsschädigend das Berliner Politikchaos wirke, habe man im vergangenen Jahr erfahren, als „die unsägliche Diskussion um die drastische Besteuerung von Firmenwagen den Markt ganz erheblich verunsicherte“. Nachdem die Umsetzung am Widerstand der Bundesländer „Gott sei Dank gescheitert ist, dauerte es noch Wochen und Monate, bis dieser Schock wirklich verarbeitet war“, sagt Gottschalk. Der jüngste Vorschlag die Mehrwertsteuer zu erhöhen, sei auch wieder „alles andere als hilfreich“.

Was die jüngste Initiative des Autokanzlers anbelangt, ist der Autopräsident indes sehr einverstanden. Es sei „richtig, wenn über einen starken Vizepräsidenten in der EU-Kommission nachgedacht wird, damit die EU im Laufe dieses Jahrzehnts zur wettbewerbsfähigsten Wirtschaft der Welt wird“, lobt Gottschalk die Initiative von Schröder, Blair und Chirac. Sieben Prozent des europäischen Bruttosozialprodukts und 24 Prozent der gesamten Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen in Europa stammten von der Autoindustrie. Deshalb sei es auch richtig, dass VW-Chef Bernd Pischetsrieder und andere Autobosse in der vergangenen Woche dem EU-Kommissionspräsidenten deutlich gemacht hätten, „dass man der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie wieder mehr Gewicht beimessen muss“. Denn „von Verwaltung und Dienstleistung allein kann Europa nicht leben“, weiß der deutsche Autopräsident.

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