Wirtschaft : Wie bei Aldi am Sonnabend (Gastkommentar)

Jacob Heilbrunn

Wenn es ums Geld geht, hört die Freundschaft auf, heißt doch dieser alte deutsche Spruch. Nicht sehr freundlich klingt da in amerikanischen Ohren die Nachricht, dass Deutschland Amerika überholen werde: Das deutsche Wirtschaftswachstum soll das der USA überflügeln, so lauten die Prognosen sämtlicher deutscher Institute.

Seit Jahren triumphieren die Amerikaner, ihr Modell sei nicht irgendwie diffus, sondern der einzige praktische Weg zum Glück. Und wie die USA heute, so haben die Deutschen und andere europäische Länder in den 80er Jahren geredet. Damals hieß es, Europa sei im Kommen, die USA lägen am Boden. Deutschland und Japan, die klug investiert hätten, die würden die Herrn des 21. Jahrhunderts sein. Noch mehr: Sie seien die wahren Sieger des Zweiten Weltkriegs.

Sollte nun Deutschland die USA in der Tat überholen, dann wären wir wieder, wo wir am Anfang waren. Die USA müssten sich wieder mächtig anstrengen, um allen zu beweisen, dass sie die Nummer Eins seien. Denn langsam kommt die so genannte New Economy oder neue Wirtschaft in Schwierigkeiten. Die berühmten Technologiewerte haben in der letzten Woche einen richtigen Schock erlebt. Schon stehen Artikel in den amerikanischen Zeitungen, dass junge Unternehmer ihre Einkäufe radikal bremsen müssen. Dass sie, statt Häuser für eine Million Mark zu kaufen, sich mit Häusern für 600 000 Mark zufriedengeben müssen. Statt sechsmal in der Woche können sie nur noch dreimal ausgehen! Und diese Liste ungeheuer schwerer Opfer könnte leicht erweitert werden.

Aber sollte Deutschland die USA wirklich überholen - dann würden die Deutschen sich genauso benehmen. Wachstum würde etliche Probleme hervorrufen. Erstens würde niemand mehr einen Tisch im Restaurant bekommen. Zweitens, so ist es in den USA, wird es fast unmöglich, etwas zu kaufen. Denn wenn alle einkaufen, dann kann niemand einkaufen. Stellen Sie sich ein Deutschland vor, wo jedes Geschaft jeden Tag wie Aldi am Sonnabend aussieht! Das Resultat von wachsendem Wohlstand: nur Stress.

Ja, sollte es den Deutschen besser als den Amerikanern gehen, dann würden sie zwar die wirtschaftlich Überlegenen sein. Aber sie würden auch etwas verlieren, nämlich ihre moralische Überlegenheit. Bisher können sie immerhin darauf pochen, dass sie nicht aufs Geld versessen seien. Dass es höhere Werte als reines Geldverdienen gebe. Dass Europäer mehr lesen als die Amerikaner, diese gierigen. Bisher.

Aber nicht mehr lange: Schon fordern deutsche Wirtschaftsforscher ein höheres Rentenalter. Da sieht man sie schon, die Amerikanisierung Deutschlands. Je reicher das Land wird, umso unwohler wird das Leben. Deutschland, hüte Dich vor zu viel Wohlstand!Der Autor ist Korrespondent des Internet-Magazins www.PoliticalWag.com

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