Wirtschaft : Wie bei der Tour de France

Der beinharte Wettbewerb in der Autoindustrie fördert die Korruption zwischen Hersteller und Lieferant

Alfons Frese,Henrik Mortsiefer

Berlin - „Es ist wie bei der Tour de France“, sagt Helmut Becker, „wenn einer dopt, dann dopen sie alle.“ Becker, Chef des Münchner Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK), spricht über die Autoindustrie und meint Schmiergeld, wenn er von Doping spricht. Die Bestechung von Einkäufern durch Lieferanten sei „Ausdruck der Schärfe des Wettbewerbs auf gesättigten Märkten“. Am Freitag zog die Affäre um den französischen Lieferanten Faurecia weitere Kreise. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft teilte mit, dass bereits am Dienstag ein Einkaufsleiter der spanischen VW-Tochter Seat festgenommen worden sei. Schmiergelder sollen von dem französischen Hersteller von Autositzen auch an Mitarbeiter von VW, Audi und BMW gezahlt worden sein.

Wolfgang Meinig, Leiter der Forschungsstelle Automobilwirtschaft in Bamberg, sieht ebenso wie die ermittelnden Staatsanwälte Parallelen zur Bauwirtschaft – und zum Sport: „Die Strukturen in der Autoindustrie sind so korrupt wie im Bausektor. Die Justiz muss wie im Sport energischer eingreifen“, sagte er auf Anfrage. Dieser Forderung schließt sich Holger Hildebrandt an. „Die Justiz muss mit aller Härte des Gesetzes durchgreifen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) dem Tagesspiegel. Wichtiger als die Verfolgung der Korruption sei die Prävention. Hier hätten viele Unternehmen schon etwas unternommen. Der BME hat bereits 1996 seinen Mitgliedsfirmen Ethikleitlinien gegeben. Darin werden etwa ein Ombudsmann als Ansprechpartner, Verpflichtungserklärungen von Lieferanten oder Job-Rotation empfohlen, um persönliche Abhängigkeiten zwischen Einkäufern und Lieferanten zu vermeiden. Bei VW gibt es seit fast 30 Jahren eine Betriebsvereinbarung zur Arbeitsordnung, in der Verhaltensrichtlinien festgeschrieben sind. Die „Annahme von Geld, geldwerten Leistungen, Sachwerten oder sonstigen Vorteilen von Geschäftspartnern ist verboten“, heißt es darin. So genannte „Höflichkeitsgeschenke“ dürfen angenommen werden, wenn der Wert die Höchstgrenze von 50 Euro je Geschäftspartner im Jahr nicht übersteigt. Bei Daimler-Chrysler liegt die Grenze für solche Geschenke bei 30 Euro.

Für die Einkäufer hat VW ein eigenes Beschaffungshandbuch. Unter anderem steht da die Empfehlung, die Einkäufer sollten alle zwei, drei Jahre ihren Tätigkeitsbereich wechseln. Kontrolliert werden die Einkäufer von acht Mitarbeitern der Konzernrevision, die „ausgewählte Beschaffungsvorgänge“ überprüfen. Schließlich hat VW als Folge der Sex- and-Crime-Affäre des vergangenen Jahres ein Ombudssystem eingeführt: Zwei neutrale Rechtsanwälte nehmen vertraulich Hinweise auf Korruption entgegen und geben sie an den Konzern weiter. Bei Daimler-Chrysler gibt es eine Hotline rund um die Uhr, bei der Mitarbeiter sich von Juristen in brisanten Angelegenheiten telefonisch beraten lassen können. In manchen Konzernen, so hört man in der Branche, hört die Revision auch schon mal die Telefone der Einkäufer ab, wenn die unter Verdacht stehen. „Personenschutz gibt es da nicht“, sagt ein Insider, der anonym bleiben will.

Nach Ansicht des Automarktexperten Meinig tragen die Hersteller eine Mitverantwortung für die Korruption: „Der Preisdruck auf die Zulieferer ist enorm“, sagt der Professor. Zwar seien die Umsatzrenditen häufig besser als die der Autohersteller. „Aber die Konzerne haben die größere Marktmacht.“ Sobald ein Zulieferer gute Geschäftszahlen veröffentliche, seien „die Hersteller zur Stelle, um die Preise zu drücken“. Richtig dicke Aufträge, das bestätigt auch der Münchner IWK-Chef Becker, gibt es häufig nur bei großen Rabatten.

Um sich dem Druck zu entziehen, greifen Lieferanten offenbar auch zu illegalen Methoden. „Extra-Zahlungen ohne konkrete Gegenleistung, so genannte Quick Savings, gehören zum Geschäftsalltag“, sagte Meinig. Damit kaufen sich die Teileproduzenten in den Kreis potenzieller Zulieferer ein. Gezahlt würden mitunter zweistellige Millionenbeträge. Auf der anderen Seite entstünden so Begehrlichkeiten: „Die Einkäufer registrieren, dass ihr Unternehmen über Jahre Millionen kassieren kann, ohne eine Gegenleistung zu erbringen. Da liegt es nahe, dass manche auch persönlich profitieren wollen“, erklärt Meinig. „Das ist der Humus für die Korruption.“

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