Wirtschaft : Wie die Schweiz Reichtum importiert

Bundeskanzler Schröder will Steuerflüchtlinge „gesellschaftlich ächten“. Ob er wirklich weiß, wen er da in Acht und Bann tut?

Ursula Weidenfeld

Berlin. Wenn der deutschstämmige Kaffee-Unternehmer Klaus Jacobs im britischen Oxford über den Wert des lebenslangen Lernes parliert und dazu noch ein wissenschaftliches Institut in Bremen stiftet, dann sitzen Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) und der Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer beifällig nickend im Publikum. Wenn Bundeskanzler Gerhard Schröder den Vizepräsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Diether Klingelnberg, trifft, ist von Verachtung nichts zu spüren. Und als die Baumaschinenhersteller Isolde und Willi Liebherr im vergangenen Herbst den Grundstein für eine 80-Millionen-Euro-Investition in Rostock legten, half der Kanzler sogar persönlich mit.

Von wegen Ächten: Alle drei Unternehmer sind deutschstämmig, aber keiner von ihnen lebt heute noch in Deutschland, keiner zahlt hier seine persönlichen Steuern. Doch wenn diejenigen, die der Kanzler seit diesem Wochenende „gesellschaftlich ächten“ will, weil sie ihr Vemögen vor den deutschen Steuerbehörden in Sicherheit gebracht haben, hier Arbeitsplätze schaffen oder Universitäten unterstützen, dann ist es ganz selbstverständlich, dass die Politik dabei ist.

Wie doppelzüngig die politische Moral im Fall der Steuerflüchtlinge ist, zeigt sich immer wieder: Wenn die Politiker den steuerbedingten Umzug Michael Schumachers, des Molkereibesitzers Theo Müller oder des Autovermieters Erich Sixt in die Schweiz verurteilen, dann können sie sich der Zustimmung in den eigenen Reihen sicher sein. Wenn aber der früheren Eigentümer des Pharmakonzerns Boehringer Mannheim, der Milliardär Curt G. Engelhorn der Stadt Mannheim ein Museum schenkt, oder das historische Seminar der Universität Heidelberg mit einem Forschungsschwerpunkt amerikanische Geschichte ausstattet, ist er wieder hoch willkommen. Dass der Milliardär in der Schweiz lebt, darüber sehen die pfälzischen Bürgermeister und Lokalpatrioten bei ihrem Lob über das großherzige Mäzenatentum gern hinweg.

Oder die Erben des Verlegers Axel Springer: Ob der Bundeskanzler auch sie im Sinn hatte, als er sich in der „Bild am Sonntag“, die im Springer-Konzern erscheint, über Steuerflüchtlinge ärgerte? Nicolaus Springer jedenfalls, der Sohn des legendären Verlegers, investiert sein Erbe (geschätzte 200 bis 300 Millionen Franken) am liebsten in der Schweiz – genauso wie die Erben des Flugzeugpioniers Dornier, die Familie Flick oder die Nachfahren des Waschmittel- und Klebstoffherstellers Henkel. Auch die Nachfahren des Wella-Gründers Franz Ströher haben den Milliardenerlös aus dem Verkauf ihres Anteils am Wella-Konzern im vergangenen Frühjahr schnell in die Schweiz verfrachtet. Und Ulrich Rotermund, der Sohn und Erbe der legendären Erotikunternehmerin Beate Uhse, hat sich mit seiner Familie längst am noblen Vierwaldstättersee niedergelassen.

Was die deutschen Finanzpolitiker mit Ingrimm erfüllt, haben die Schweizer oder auch die britischen Steuerbehörden mittlerweile zum geachteten System erhoben: Sie verhandeln mit wechselwilligen Reichen über vermögenschonende Steuergutschriften. Denn: Siedelt sich einer von ihnen in einem Kanton an, steigt das Steueraufkommen dort so oder so, auch wenn es etwas weniger ist als das, was theoretisch möglich wäre. Der Erfolg ist offensichtlich: Jeder Zweite der 300 reichsten Schweizer, so ermittelte das Schweizerische Wirtschaftsmagazin „Bilanz“ kürzlich, stammt aus dem Ausland. Was inzwischen auch dazu führt, dass sich die Kantone untereinander Konkurrenz um die reichen Ausländer machen.

Dennoch: So leicht wie früher hat es die Schweiz auch nicht mehr. Heidi Horten etwa, die Witwe des Handelskonzern-Gründers und seine Haupterbin, ist damit beschäftigt, das Milliardenvermögen ihres Mannes nach Österreich, ihrem Heimatland, umzuschichten. Kaffee-, Schokolade- und Kakaomogul Jacobs zieht aus der Schweiz nach England um – der Pferdezucht wegen. Und Diether Klingelnberg, Chef des Maschinenbauverbandes und BDI-Vizepräsident, hat sich noch nicht entschieden, ob er wirklich in das bisherige Ferienhaus der Familie im Tessin übersiedelt, wenn er im kommenden Jahr die Firma an seinen Sohn übergibt. Er hat auch keinen direkten Grund für einen Umzug: Der Mann wohnt schließlich seit Jahren in Belgien.

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