Wirtschaft : Wie eine Sandburg im Wirbelsturm

MARCUS W.BRAUCHLI

Es galt lange Zeit als der größte Triumph der Weltbank: Indonesien hatte die Armut besiegt.Doch inzwischen wirft der indonesische Verfall wieder zahlreiche Fragen zur Praxis der Weltbank auf.Im Mittelpunkt des Interesses: Die jahrelange Nachsicht der Weltbank gegenüber dem verwahrlosten Regime Suhartos.

Die asiatische Finanz- und Wirtschaftskrise und der Rücktritt Suhartos bedeuteten für das Land einen Niedergang, der die Hälfte der indonesischen Bevölkerung wieder zurück in äußerste Armut stürzt.Immer mehr Menschen hungern, Banken sind zahlungsunfähig und die staatliche Fluggesellschaft sieht sich gezwungen, nicht mehr zu bezahlende Maschinen zurückzugeben.Man stehe vor einem "historischen" Rückgang, urteilte der Beauftragte der Weltbank für Indonesien.Die in Washington ansässige Entwicklungsorganisation verschaffte der Regierung Suhartos nicht nur Darlehen und Glaubwürdigkeit.Manche Kritiker halten ihr vor, Korruption und zersetzende wirtschaftliche Gewohnheiten toleriert und teilweise geschürt zu haben.

Führende Persönlichkeiten aus indonesischen Regierungs- sowie Weltbankkreisen haben etwa bestätigt, daß die Bank auf Druck der Regierung Berichte über den Zustand der indonesischen Wirtschaft retouchiert hat.Diese geschönten Analysen ermöglichten es dem Land, ausländisches Kapital anzuziehen - das prompt verschwand und die Landeswährung in Gefahr brachte, als die Wirtschaft im vergangenen Jahr in die Rezession rutschte.

Außerdem soll die Weltbank ein Darlehen in Höhe von 307 Mill.Dollar gewährt haben, um das Kapital der staatlichen Banken aufzustocken - doch der Großteil dieses Geldes floß über die öffentlichen Banken unwiderruflich in die Kassen von Firmen, deren Eingentümer in Suhartos unmittelbarer Umgebung standen.Die Unfähigkeit derselben Firmen, frühere Darlehen zurückzuzahlen, hatte jene Kapitalnot überhaupt entstehen lassen.Dieses finanzielle Fiasko zerstörte letztlich die indonesische Wirtschaft.

Daß Korruption in den durch die Banken finanzierten Projekten herrschte, war den Weltbankbeauftragten ebenfalls kein Geheimnis - dennoch wurden keinerlei Nachforschungen veranlaßt.Jahrelang vertraute die Weltbank auch den offiziellen Armutsstatistiken, die spektakuläre Verbesserungen auswiesen - ungeachtet aller Anzeichen, daß diese Schätzungen aus politischen Gründen aufgebessert waren.Jahrzehntelang hat eine Mehrheit der Indonesier mit knapp einem Dollar pro Tag überlebt; nun lebt diese Mehrheit weit unter dieser Armutsgrenze.

Weltbankvertreter gestehen, daß solche Schwächen eine hartnäckige Überprüfung erfordert hätten: Indonesien hat innerhalb von drei Jahrzehnten über 25 Mrd.Dollar Darlehen bekommen."Wir wurden einfach vom indonesischen Enthusiasmus eingefangen", verteidigt sich in Jakarta Weltbankpräsident James Wolfensohn.Allerdings fügt er hinzu: "Ich dachte wie viele andere, daß sich Indonesien auf einem sehr gesunden wirtschaftlichen Pfad befinde."

Bei der Bank ist nun die Stunde der Selbstkritik gekommen."In jedem betreuten Land müssen wir zwischen menschlicher Hilfeleistung und Purismus abwägen", sagt der Ökonom Dennis de Tray, der seit 1994 die Jakarta-Mission der Weltbank leitet.Lange erschien der Status quo positiv: Es besteht kein Zweifel daran, daß die Entwicklungshilfe der Bank Indonesien zur Modernität verholfen habe.Die Gesundheitversorgung und die Alphabetisierung verbesserten sich gegenüber anderen Entwicklungsländern.Trotzdem rechnet die Bank in diesem Jahr mit einem wirtschaftlichen Rückgang von 15 Prozent.

Es sei unklar, welche Maßnahmen gegen die Krise vonnöten gewesen wären, kommentiert de Tray.Die Bank schneide ihren Kunden äußerst ungern die Mittel ab - erst recht, wenn es sich um einen politisch und wirtschaftlich derart wichtigen Partner handelt.So tauchte der Begriff "Korruption" erstmals 1997 in einem Weltbankbericht auf: Weltbankökonomen argumentierten, man könne die Korruption als eine Art Steuer in einer ansonsten gesunden Wirtschaft betrachten - und wer konnte schon gegen eine Wachstumsrate von acht Prozent argumentieren?

Indessen veröffentlicht die Bank jährlich einen fundamentalen Bericht über die Lage der indonesischen Wirtschaft, den Ökonomen, Investoren sowie die Kreditwirtschaft als Referenz nutzen.Alerdings verschwanden darin Probleme wie Nepotismus und Korruption im Treibsand einer agilen Bürokratensprache.Obwohl die Bank symptomatische Erscheinungen wie Monopole und hohe Einfuhrzölle beanstandete, wurden niemals Namen genannt.

So notierte die Bank 1993 das Auftreten von Konglomeraten, die bemüht waren, "Einkünfte zu erzielen, die sich durch politisch geschaffene Marktverzerrungen boten." Im Klartext: Suharto-Schützlinge bekamen staatliche Lizenzen zur Kontrolle einzelner Bereiche.So wurde zum Beispiel der Tochter Suhartos die Einnahme der Straßengebühren zugestanden.Erst im vergangenen Jahr wurde die Bank deutlich und vermerkte, daß einige Regierungsbräuche "dem gut Verflochtenen gegenüber dem Effizienten den Vorzug geben", was die Kosten in die Höhe treibe.Ferner schürten sie Zynismus und ein Gefühl der Unanständigkeit.Überhaupt sei es schwierig geworden, die Geschäfte zu rechtfertigen.Doch selbst in dieser Situation gab sich die Weltbank versöhnlich: "Indonesien wird die Fragen früher oder später anzugehen haben", hieß es weiter.

Regierungsbeamte, die sämtliche Weltbankanalysen vorab bekamen, verlangten eine sanfte Gangart.Soedradjad Djiwandono, ehemals Direktor der indonesischen Zentralbank, bestätigt, daß sich die Weltbank aus Angst vor Konfrontation stets den Formulierungsvorschlägen der Regierung fügte.Aus dem Standpunkt des Weltbankvertreters Dennis de Tray hätte die Botschaft selbst niemals Stoff zur Diskussion geliefert, man habe sich nur damit beschäftigt, die Forderung so diplomatisch wie möglich zu verklausulieren.

Trotzdem seien die geschönten Berichte nach Ansicht externer Experten irreleitend gewesen und hätten den Eindruck vermittelt, als werde die Makroökonomie keineswegs durch indonesische Probleme gefährdet.Das Gütesiegel der Weltbank diente Investoren als Zusicherung.In den neunziger Jahren wurden die sogenannten emerging markets von ausländischem Kapital überschwemmt - das ebenso schnell wieder abfloß, als die günstigen wirtschaftlichen Bedingungen schwanden.Dies traf die Rupie wie ein Schlag.Im Verlauf des vergangenen Jahres verlor die indonesische Währung drei Viertel ihres Wertes.

Ähnlich wie in den übrigen Ländern Ostasiens wurde die wirtschaftliche Krise durch ein schwaches, korruptes Bankensystem begünstigt.Bis in die achtziger Jahre beherrschten sieben staatliche Banken das Finanznetz des Landes und ließen wiederholt Subventionen verschwinden.

1992 offerierte die Weltbank 307 Mill.Dollar gegen das Versprechen, strikte Banksicherungen durchzusetzen - eine Bedingung, die von der indonesischen Zentralbank freudig angenommen, dafür aber kläglich eingehalten wurde.Ein Jahr später tauchte eine bei der Zentralbank verfaßte Liste der Hauptschuldner auf, auf der mehrfach Kinder und Geschäftspartner Suhartos verzeichnet waren.Acht von ihnen lagen im Rückzahlungsverzug in Höhe von 40 Prozent des geliehenen Geldes.Ob die Weltbank die Korruption unterstützte? Dennis de Tray handelt das Rekapitalisationsproblem als "Tropfen auf den heißen Stein" ab.Die Absicht, erklärt er, sei eine umfassende Bankenkontrolle gewesen, denn die staatlichen Banken hätten am allermeisten unter politischem Einfluß gestanden.

Das Scheitern der Weltbank hat weite Auswirkungen gehabt.Unter den Zielen, die offen verfehlt wurden, befanden sich Beschränkungen der Banken gegen das Anhäufen ausländischer Darlehen: Man befürchtete im Falle einer Devaluierung der Rupie Rückzahlungsengpässe.Für Unternehmen bestand jedoch keine vergleichbare Regelung: Durch jenes Schlupfloch stellten die Banken Kontakte zwischen den Unternehmen, die niedrige Zinsraten avisierten und den ausländischen Verleihern her.Die Sicherungen wurden umgangen."Ich habe ein Sandschloß gebaut", kommentiert der ehemalige Zentralbankdirektor Soedradjad - "aber es kam ein Wirbelsturm".

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