Wirtschaft : Wie geschmiert

Korruption ist weit verbreitet – doch eine Mauer des Schweigens verhindert Aufklärung

Carsten Brönstrup,Henrik Mortsiefer

Berlin - So läuft das Geschäft: Eine Reihe von Zulieferfirmen bekommt Post von einem großen Autohersteller. Dieser lädt zu einer „bidding round“ ein – einem Treffen, bei dem sich die Unternehmen um einen Großauftrag bewerben können. Das Treffen findet nicht in Stuttgart, Wolfsburg oder München statt, sondern in China. In einem drittklassigen Hotel ohne Klimaanlage und Bewirtung warten die Mittelständler stundenlang auf einen Konzernvertreter – vergeblich. Einige reisen ab. Andere harren aus, weil sie den Auftrag brauchen. Sie sind bereit, noch mehr zu tun: Sie zahlen viel Geld, um in die engere Wahl zu kommen. Die Branche spricht von „quick savings“, von Spontanzahlungen ohne konkrete Gegenleistung. „Das alles grenzt an Folter“, sagt einer, der die Praxis kennt. Namen nennt niemand. Wer plaudert, gilt als Nestbeschmutzer – und ist raus aus dem Geschäft.

Im Zuge der Affäre um Sex und Schmiergeld bei VW fragen sich viele: Wie korrupt ist die deutsche Wirtschaft? Experten beobachten die periodisch aufkommende Empörung seit Jahren. „Egal, welche Branche oder Unternehmensform, Korruption ist in Deutschland weiter verbreitet, als man annimmt“, sagt Klaus Fischer, Fachmann für Wirtschaftskriminalität beim Beratungsunternehmen Ernst&Young. Geschmiert wird nicht nur in der Autoindustrie. Im Einzelhandel erkaufen sich Markenfirmen mit „listing fees“ die besten Plätze im Supermarktregal. Pharmafirmen zahlen Golfreisen für Ärzte. Am Bau wird bei der Auftragsvergabe gemauschelt, und in der Rüstungsindustrie ginge ohne Bakschisch wenig.

„Jeder weiß es, jeder prangert es an, aber die Behörden können nicht eingreifen, weil niemand darüber spricht“, sagt Wolfgang Meinig, Leiter der Bamberger Forschungsstelle für die Automobilwirtschaft. Steuerfahnder, Zoll, Justiz – alle hofften auf Fakten. „In den Büchern finden sie meist nichts“, klagt Meinig.

Dabei ist der Schaden enorm. Pro Jahr dürfte Wirtschaftskriminalität etwa 350 Milliarden Euro kosten – welchen Anteil die Korruption daran hat, ist aber kaum zu ermitteln. Grund: 95 Prozent der Fälle bleiben im Dunkeln. Dass im internationalen Vergleich nur 17 Länder weniger korrupt sind als Deutschland, ist daher nur ein ungefährer Erfolg. Der Exportweltmeister könnte mehr tun: „Hätte Deutschland die gute Bewertung von Finnland, wäre das Inlandsprodukt um sechs Prozent höher“, sagt Johann Graf Lambsdorff, Wirtschaftsprofessor an der Universität Passau. Denn bei weniger Korruption würde das Sachkapital effizienter eingesetzt; die Produktivität wäre höher. „Außerdem würde netto mehr Kapital nach Deutschland fließen“, sagt Lambsdorff. Er schätzt das zusätzliche Volumen auf 0,75 Prozent des Inlandsprodukts.

Doch mit der Globalisierung nimmt die Zahl unsauberer Geschäfte zu, befürchtet die Organisation Transparency International (TI). „Der Trend zum Outsourcing in den Unternehmen scheint die Korruptionsgefahr zu erhöhen“, sagt TI-Vizechef Peter von Blomberg. „Mit der Zahl der Schnittstellen nach außen steigt auch die Gefahr, dass geschummelt wird.“

Ohnehin hat Korruption eine lange Tradition im Land. „In der Exportnation Deutschland waren Schmiergelder lange legitimer Teil der Geschäftspolitik im Ausland“, erklärt Klaus Fischer. Bestechungsgelder konnten lange beim Fiskus abgesetzt werden. Inzwischen gibt es schärfere Gesetze. „Deutschland ist heute vorbildlich. Nur hat sich das bei vielen Unternehmen noch nicht herumgesprochen“, sagt Fischer. Der Berater glaubt, dass viele Firmen auch nach der Verschärfung des Rechts noch im Ausland geschmiert haben. „Das wird alles bei den bevorstehenden Betriebsprüfungen auffliegen.“

Dennoch: Nicht erst seit VW hat die Sensibilität gegenüber den Gefahren der Korruption zugenommen. „Einige Unternehmen verstärken ihre internen Kontrollen und zeigen Straftäter konsequent an“, sagt der Korruptionsexperte Wolfgang Schaupensteiner (siehe Interview). Vor allem bei der Prävention müsse die Wirtschaft mehr tun. „Die Konzerne dürfen Schwachstellen für Bestechung gar nicht erst entstehen lassen“, sagt der Jurist. Als vorbildlich gilt inzwischen die Deutsche Bahn – in der Vergangenheit häufig in Korruptionsfälle verwickelt. Im Konzern gibt es heute eine wachsame interne Revision sowie Vertrauensleute, an die sich Mitarbeiter und Lieferanten bei Verdacht auf unsaubere Praktiken wenden können.

Die Installierung einer Ombudsstelle geht auch auf die Initiative des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik zurück, der 5000 Mitgliedsfirmen zählt – darunter viele Zulieferer. „Verdeckte Beziehungen sind eine Bedrohung für die Wirtschaft“, sagt Hauptgeschäftsführer Holger Hildebrandt. Neutrale Ombudsräte und Revisionsabteilungen, die von der Geschäftsanbahnung bis zum Vertragsabschluss mit am Tisch säßen, seien eine Möglichkeit, „um das Schweigen der Korruption“ zu brechen. Job-Rotation, gute bezahlte Beschaffer und Vertriebsleute, eine regelmäßige Überprüfung der Lieferantenbeziehungen – Prävention ist laut Hildebrandt keine Zauberei. Und korrupt sind immer die handelnden Personen, nicht die Strukturen – das hat Ernst & Young in einer Studie herausgefunden: Zwei Drittel aller Täter stammen aus dem eigenen Betrieb. Und jeder zwanzigste Täter ist Mitglied der Geschäftsführung.

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