Wirtschaft : Wie gut sind die deutschen Lebensmittel wirklich?

Noch nie waren die Kontrollen schärfer – dennoch kommt es immer wieder zu Pannen

Dagmar Dehmer

Erst kam der Rinderwahn, dann folgte eine Kette weiterer Skandale: Nitrofen im ÖkoGetreide, das krebserregende Acrylamid in Pommes, Salmonellen im Geflügel oder Antibiotika in thailändischen Shrimps. Sind die Lebensmittel in Deutschland schlechter geworden, oder wird nur besser kontrolliert?

Viele Indizien sprechen für Letzteres. Denn nach der BSE-Krise hat sich eine Menge verändert. Inzwischen ist Rindfleisch tatsächlich von der Geburt bis zur Ladentheke rückverfolgbar. Risikomaterial, also Nervengewebe oder Hirnbestandteile, darf nicht mehr in den Handel kommen. Außerdem hat Deutschland für jedes geschlachtete Rind, das älter als 24 Monate alt ist, einen verpflichtenden BSE-Test eingeführt. Bei diesen Tests hat es jedoch offensichtlich Schlampereien gegeben. Mehr als 900 Kühe sind 2003 ohne den Pflicht-Test in den Handel gelangt. Die Panne ist aufgedeckt worden, nachdem die Länder-Agrarminister und Verbraucherministerin Künast beschlossen hatten, die Daten der zentralen Rinderdatenbank mit den Informationen über die durchgeführten BSE-Tests zu vergleichen.

Isabell Keller, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), vermutet, dass sich „die Qualität unserer Lebensmittel seit den 40er Jahren eher verbessert hat“. Zwar hätten die Lebensmittelkontrolleure der Bundesländer kaum eine Chance, alle „schwarzen Schafe" in der Ernährungsindustrie aufzuspüren. Aber gleichzeitig hätten sich die Analysemethoden der Kontrolleure dramatisch verbessert. „Heute können wir viel mehr Stoffe aufspüren", sagte Keller. „Aber täglich kommen neue Stoffe dazu."

Tatsächlich sind einige der Lebensmittel-Skandale nach dem ersten deutschen BSE-Fall im Jahr 2000 wohl eher der Beweis für eine bessere Lebensmittelüberwachung. Ein Beispiel dafür sind die in der Europäischen Union (EU) verbotenen Antibiotika, die 2002 in Shrimps aus Thailand und in Hähnchen aus Brasilien entdeckt worden sind. Das europäische Frühwarnsystem macht solche Informationen inzwischen innerhalb von Minuten in allen EU-Mitgliedstaaten verfügbar. Im Berliner Verbraucherministerium gibt es einen Bereitschaftsdienst, der Warnrufe aus dem Frühwarnsystem zu jeder Tages- und Nachtzeit in Empfang nimmt und sofort alle Länderverantwortlichen alarmieren kann.

Auch der Nitrofen-Skandal scheint inzwischen aufgelöst zu sein. Im Jahr 2002 fanden die Lebensmittelkontrolleure das verbotenes Unkrautvernichtungsmittel in Öko-Getreide und Öko-Geflügel. Die Quelle scheint ein altes Giftlager aus DDR-Zeiten gewesen zu sein, wo inzwischen Öko-Getreide gelagert worden ist. Seither sind keine erhöhten Nitrofen-Werte mehr gemessen worden.

Auch die meisten chemischen Masthilfen sind aus Europas Ställen verschwunden. So verbietet die EU im Gegensatz zu den USA Hormone in der Rindermast. Das Hormon-Fleisch darf in der EU auch nicht vermarktet werden. Auch Antibiotika sollen aus den Futtertrögen der EU endgültig verschwinden. Vier von acht bis vor kurzem noch zugelassene Medikamente sind als Masthilfen heute verboten. Auch die letzten vier Antibiotika sollen nach dem Willen von Verbraucherkommissar Byrne schon bald nicht mehr zur Mast genutzt werden dürfen.

Obwohl viele problematische Stoffe schon lange in europäischen Lebensmitteln verboten sind, gibt es eine Reihe von Chemikalien, die auch Jahre nach ihrem Verbot noch in Nahrungsmitteln nachweisbar sind. Dazu zählen beispielsweise das Insektenvernichtungsmittel DDT und Dioxine. Beide Gifte haben sich als sehr langlebig erwiesen. DDT ist selbst in der Muttermilch noch nachweisbar.

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