Wirtschaft : Wie konnte das alles nur passieren? Die Coca-Cola-Story

N. DEOGUN[S. STECKLOW L. JOHANNES],J.R. HAGERTY[S. STECKLOW L. JOHANNES]

Wie konnte das passieren? Diese Frage hat sich Anton Amon, Wissenschaftler in der Chefetage bei Coca-Cola, in den vergangenen Wochen wieder und wieder gestellt. Hunderten von Konsumenten - vor allem in Belgien und später auch in Polen - war nach dem Genuß von Cola-Produkten schlecht geworden, einige Länder hatten Coca-Cola aus den Regalen verbannt, Zeitungen spekulierten darüber, daß Coca-Cola mit Rattengift verseucht worden sei. Jetzt hat Amon eine Antwort: Coca-Cola, ein Unternehmen, das sich seiner strengen Qualitätskontrollen rühmt, Markenschutz und Public Relations ganz groß schreibt, hat ausgerechnet in diesen Bereichen schwere Fehler gemacht.Das Ergebnis ist die tiefste Krise in der 113jährigen Unternehmensgeschichte. Versäumnisse bei der Qualitätskontrolle in den Abfüllanlagen von Coca-Cola Enterprises (CCE) seien der Hauptgrund für die Probleme gewesen, sagt Amon. Das riesige Unternehmen CCE, das zu 40 Prozent Coca-Cola gehört, stellt die Limonade in verschiedenen Abfüllanlagen her und verteilt sie in der jeweiligen Region. Eine Abfüllanlage in Antwerpen habe elementare Vorschriften bei der Qualitätskontrolle mißachtet. So habe verunreinigtes Kohlendioxid unbemerkt in Cola-Produkte gelangen können. Die Fabrik habe entweder versäumt, vom schwedischen Gaslieferanten Aga Gas AG ein Prüfzertifikat für die Kohlendioxidlieferung vom 4. Juni zu verlangen - oder es habe sie verloren. Ohne ein solches Zertifikat des Lieferanten hätte das Gas nach den Vorschriften von Coca-Cola nicht verwendet werden dürfen.Das Fiasko, das dazu führte, daß 14 Mill. Kästen von Cola-Produkten in fünf europäischen Ländern zurückgerufen wurde, scheint zwar bereinigt. Cola erklärte, die Produktion in der Fabrik in Antwerpen werde wieder aufgenommen. Zusätzliches Personal zur Qualitätssicherung sei eingestellt worden.Doch es ist nicht klar, wieviel der Skandal Coca-Cola kosten wird. Doch CCE wird nach eigenen Angaben 60 Mill. Dollar im zweiten Quartal wegen der Probleme abschreiben. Analysten erwarten einen Rückgang des operativen Gewinns um 95 Mill. Dollar. Doch die Pannen in der Qualitätskontrolle, PR-Fehler und andere Versäumnisse haben das Image schwer beschädigt. So hat das Unternehmen die Tragweite des Skandals zu spät erkannt. Amon, Chef der Qualitätskontrolle von Coca-Cola, wurde erst am 11. Juni - drei Tage, nachdem sich Kinder einer belgischen Schule nach dem Genuß von Cola erbrochen hatten - in das Krisenbewältigungsteam geschickt.Während Techniker der Abfüllanlage sich mühten, die Problemursache herauszufinden, versuchten andere CCE-Mitarbeiter, die Öffentlichkeit zu beruhigen. Am 9. Juni, ein Tag, nachdem die Schulkinder krank geworden waren, schickte man der Schule ein Fax, in dem sich Coca-Cola für die Unannehmlichkeiten entschuldigte und anbot, alle Arztkosten zu übernehmen. Es handele sich "um eine Abweichung in Geschmack und Farbe", die Kopfschmerzen und andere Symptome hervorrufen könne. Die Gesundheit der Kinder sei keineswegs gefährdet.In Wirklichkeit wußten die Abfüller zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht genau, was mit den Getränken nicht stimmte. Am selben Tag, an dem die Schulkinder krank wurden, erhielt nur wenige Kilometer entfernt die Stadtverwaltung von Bellsele Beschwerden über faul riechende Coke-Dosen aus einem Automaten. Die Limonaden waren in Frankreich produziert worden.Die Coca-Cola-Krise war da. Niemand bemerkte es - außer dem neu eingeführten Gesundheitsminister von Belgien, Luc Van den Bossche. Am 11. Juni traf Wim Zijerveld, ein leitender CCE-Angestellter, den ernsten Van den Bossche in seinem Büro. Er versicherte dem Minister, daß Coca-Cola die Situation unter Kontrolle habe. Während des Gesprächs erhielt der Minister einen Anruf. 15 Studenten einer Schule im belgischen Harelbeke seien nach dem Genuß von Coke oder Fanta Orange, einem Coca-Cola-Produkt, krank geworden. "Das war sehr peinlich", sagt Zijerveld. Da Fanta Orange in Belgien nur in der CCE-Fabrik in Gent produziert wird, war nun eine weitere Fabrik betroffen. Van der Bussche beschloß, den Verkauf von Softgetränken aus den Fabriken Antwerpen, Gent und dem französischen Dunkirk zu verbieten.Coca-Cola patzte weiter. Am 14. Juni rief Bertrand de Geeter, Direktor einer Schule in der Nähe von Gent, beim Krisentelefon von Coca-Cola an und erkundigte sich nach dem Abfülldatum der Getränke in den Automaten der Schule. Es gäbe nichts zu befürchten, hieß es. Vorsichtshalber aber solle er alle Dosen, deren Codes die Buchstaben DU, DV und DW enthielten, aus den Automaten nehmen. Das tat der Mann - und teilte den Schülern mit, daß die Getränke unbedenklich seien. Wenige Minuten später erbrachen sich 38 Schüler, klagten über Bauchschmerzen und wurden ins Krankenhaus gebracht. De Geeter erfuhr, daß die Liste der Codes unvollständig gewesen sei.Auf einer chaotischen Pressekonferenz in Brüssel am Abend des 15. Juni lieferte CCE endlich eine Erklärung: Verunreinigtes Kohlendioxid und Holzschutzmittel das von außen an die Dosen gelangt sei. Das überzeugte die Politiker nicht: Die Verbote wurden erst einmal aufrechterhalten.Coca-Cola suchte verzweifelt nach Experten. Robert Kroes, Professor für Toxikologie an der Utrechter Universität in den Niederlanden, wurde mit der Untersuchung beauftragt. Da keine Zeit mehr für Laboruntersuchungen war, analysierte er die Daten aus den Labors von Coca-Cola und schloß: Es gebe keine Gesundheitsrisiken. Coca-Cola übergab den Bericht den Medien - und beförderte damit die Verbreitung der Theorie, daß ein Großteil der Erkrankungen auf eine Art Massenhysterie zurückzuführen sei.In Belgien glauben die Eltern der betroffenen Kinder gar nichts mehr. Danny de Man, ein Bankangestellter, sagt, daß seine Tochter immer noch unter Kopf- und Bauchschmerzen leidet, daß sie selbst bei kleinen Anstrengungen schlappmacht. Die Expertisen seien nichts wert: "Sie sind alle von Coca-Cola bezahlt," sagt de Man. Und in Belgien heiße es nicht umsonst: "Wes Brot ich eß, des Lied ich sing". Coca-Cola lehnt es nach wie vor ab, die Ergebnisse der unabhängigen Labor-Tests zu veröffentlichen.

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