Wirtschaft : Wie man den Daumen richtig einsetzt

Eine Studie zeigt, wie Handys unser Leben ändern

Corinna Visser

Berlin - „Das Handy ist eine Pest“, sagt Michael Naumann, Herausgeber der „Zeit“. Ihn stört zum Beispiel, dass er im Zug zwischen Hamburg und Berlin ungewollt die privaten Gespräche anderer Leute anhören muss. „Man kann auch skurril werden als Zuhörer“, sagt er. Denn er versuche dann immer seine mobil telefonierenden Mitreisenden dazu zu bewegen, nicht so zu brüllen. Viele Menschen hätten offenbar das Gefühl, bei sich selbst zu Hause zu sein, wenn sie am Handy mit Mutter oder Kind telefonieren. Das Handy sei eine Simulation von Privatheit.

Dass der ehemalige Kulturstaatsminister das Handy als Pest empfindet, hat René Obermann, Chef des größten europäischen Mobilfunkanbieters T-Mobile, sicher nicht gern gehört. Doch sein Unternehmen wolle sich der Diskussion über das Mobiltelefon in der Gesellschaft stellen, sagt Obermann. So hat er auch eine Studie unterstützt, die der – inzwischen verstorbene – Medienwissenschaftler und frühere SPD- Politiker Peter Glotz initiierte. Die Studie gibt es jetzt als Buch und wurde am Freitag in Berlin auf einem Podium vorgestellt. Der Buchtitel lautet „Daumenkultur“: Handynutzer wählen Nummern, schreiben Textbotschaften, machen Schnappschüsse – und das alles per Fingerdruck.

Bei der Diskussion wurde klar: Das Handy mag eine Pest sein, ohne können sich allerdings viele Menschen nicht mehr vorstellen, wie sie ihr berufliches und privates Leben organisieren sollen. Das gilt auch für Michael Naumann. „Die Geschäfte als ,Zeit’-Herausgeber kann ich mit dem Telefon bequem erledigen“, sagt er, der darüber hinaus einen Blackberry, einen mobilen Taschencomputer, nutzt.

Dass es wichtig ist, bei der Kommunikation den Übergangsbereich zwischen Privatem und Beruflichem zu definieren, hob Miriam Meckel hevor, die an der Universität St. Gallen den Lehrstuhl von Glotz übernommen hat. Sie wehrte sich jedoch gegen den Vorwurf, dass die ständige Erreichbarkeit in Tyrannei ausarte. „Tyrannei, an der man selbst mitwirkt, hat den Begriff vielleicht nicht verdient“, sagte sie. „Das gestalten wir mit.“ Man könne das Handy auch abschalten – oder leise telefonieren. „Wer in sein Handy brüllt, der schreit auch ohne Handy.“

Wenngleich T-Mobile-Chef Obermann beklagte, dass die Deutschen im Vergleich das Handy immer noch sehr wenig nutzen (im Schnitt 70 Minuten pro Nutzer im Monat, in den USA sind es 800), sagt auch er, dass der Umgang mit dem Mobiltelefon Disziplin erfordere. „Dann kann es extrem produktivitätssteigernd sein.“ Auch das Buch zeigt solche Beispiele aus der ganzen Welt, etwa aus Ruanda, wo es kaum Festnetz, sondern fast nur Mobilfunk gibt.

Peter Glotz u. a. (Hg): „Daumenkultur. Das Mobiltelefon in der Gesellschaft“, 348 Seiten, 28,80 Euro.

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