Wirtschaft : Wie Sehbehinderte ein Gefühl für den Euro bekommen

Carlta Vitzthum

Cristina Cabrera betastet den 20-Euro-Schein und seufzt. "Wenn der abgenutzt ist, wird es schwer sein, ihn zu erkennen", sagt Cabrera, neigt den Kopf zurück und schließt ihre Augen. "Er muss nur einmal aus Versehen mitgewaschen worden sein, und schon wissen wir nicht mehr, was für eine Geldnote das ist."

Die Einführung des Euro-Bargeldes stellt alle Menschen in der Europäischen Union vor Probleme - angefangen von der Währungsumrechnung bis zur Ab- oder Aufrundung der Beträge. Für Cristina Cabrera ist es jedoch noch schwieriger als für andere: Sie ist blind. Trotzdem könnte Cabrera letzten Endes besser auf die Einführung des Euro-Bargeldes am 1. Januar vorbereitet sein als viele ihrer spanischen Landsleute.

Zum Thema OnlineSpezial: Der Euro kommt
Euro-Countdown: Die Serie im Tagesspiegel
Euro-Memory: Passende Euro-Pärchen finden
Ted: Der Euro - mehr Vor- oder mehr Nachteile? Cabrera und rund 25 000 blinde oder sehbehinderte Spanier besuchen seit September einen Kurs über den Euro. Dort lernen sie, wie man die Währungen im Kopf umrechnet, wie man die einzelnen Euro-Noten und -Münzen erkennen kann. Es ist ein Intensivkurs in Mathematik, Public Relations und europäischer Geschichte in einem. Finanziert wird er zum Teil vom einflussreichen spanischen Blindenverband ONCE. Dieser will nicht nur Blinde an den Umgang mit dem Euro gewöhnen, sondern auch seine 28 000 blinden oder sehbehinderten Lotterielos-Verkäufer trainieren. Denn die einst als Wohltätigkeitsorganisation gegründete ONCE finanziert sich mittlerweile zu großen Teilen durch den Verkauf von Lotterielosen.

In einem schlichten Raum eines ONCE-Gebäudes in Madrid erläutert Luis Quintana die Geschichte der europäischen Währung. Cabrera und sieben andere blinde Lotterielos-Verkäufer sitzen in einem Halbkreis vor ihm an Tischen. Quintana versichert seinen Zuhörern, dass es nicht schwierig sein werde, sich an den Euro zu gewöhnen. Schließlich hat ONCE die EU bei der Gestaltung der neuen Scheine und Münzen beraten.

Quintana geht zunächst auf den Umrechnungskurs ein. Ein Euro sei 166,386 Peseten wert, erklärt er seinen acht Schülern. Das sei ein komplizierter Kurs. Einfacher sei es, wenn man etwa sechs Euro für 1000 Peseta rechne. Quintana lässt jeden Schüler Peseta-Beträge in Euro umrechnen. Er hat für jeden einen neuen Euro-Rechner, der auch sprechen kann, mitgebracht. Aber der Ton ist zu leise, so dass die Geräte zwecklos sind. Doch es geht auch ohne Rechner. Obwohl Quintana immer schwierigere Aufgaben stellt, rechnen die Schüler die Zahlen weiter im Kopf aus. "Als Verkäufer und als Blinder ist man geübter", erklärt Cabrera, die seit sieben Jahren als Verkäuferin arbeitet.

Dann verteilt Quintana Blätter, auf denen in Blindenschrift einige hypothetische Kauftransaktionen mit Peseten und Euros stehen. Jeder Verkäufer muss ausrechnen, wie viel Geld er dem Kunden zurückgeben muss. In einem nächsten Schritt verteilt Quintana kleine Plastiktüten mit jeweils acht Euro-Münzen. Er nimmt das kleinste Geldstück, die Ein-Cent-Münze, in die Hand und beschreibt die abgebildete Kathedrale auf der Rückseite. Am leichtesten könnten die Blinden die Münze an der kleinen Größe und am glatten Rand erkennen, sagt er seinen Schülern. Die Zwei-Cent-Münze ist etwas größer und weist eine durchgehende Rille auf, "als seien es zwei, aneinander geklebte Münzen", sagt er. Er rät seinen Schülern davon ab, die Münzen an ihren Motiven ertasten zu wollen, "weil diese von Land zu Land unterschiedlich sind". Problemlos erkennen die Schüler jede Münze, selbst als Quintana sie mit Francs, Escudos und Lire vermischt.

Dann kommt der schwierigste Teil des Kurses: die Euro-Noten. Die Schüler lernen, wie sie den Magnetstreifen und eine Reihe winziger Strukturen erspüren - die Sicherheitsmerkmale, an denen man erkennen kann, ob ein Schein echt ist. "Am einfachsten ist jeder Schein an seiner Größe zu erkennen, da jeder unterschiedlich groß ist", sagt Quintana. Der Wert jeder Note steht zudem in Braille-Schrift am Rand des Geldscheins. "Es ist nicht allzu schwierig", sagt der Lotterieschein-Verkäufer Cristobal Trasierra. "Im Vergleich zu den Dollar-Noten, die alle die gleiche Größe haben, sind die Euro-Scheine leicht auseinander zu halten." Trasierra weiß, was er tun muss. Er befürchtet aber, dass es die Ladeninhaber nicht wissen. Viele Einzelhändler werden wahrscheinlich bei der Umrechnung von Peseten in Euro nach oben aufrunden, und erhöhen damit die Preise für den Endverbraucher. "Sie werden mir mehr Geld abnehmen, und das macht mich verrückt", sagt Trasierra, der seit sieben Jahren in Madrid Lotterielose verkauft.

Cristina Cabrera hat andere Befürchtungen. In den ersten Januartagen würden die Leute ihre Sparschweine schlachten. "Es wird so mühsam werden", sagt Cabrera. "Wir werden mit Fünf-Peseta-Münzen überschwemmt werden."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben