Wirtschaft : Wiener Börse: Österreichs T-Aktie soll den behäbigen Aktienmarkt zum Leben erwecken

Paul Kreiner

Regelmäßig zu Jahresbeginn wird der Wiener Börse ein Durchbruch vorausgesagt. Der ATX als Hauptindex, heißt es da, werde um 20 Prozent zulegen - und dieser bleibt genauso regelmäßig hinter den Erwartungen zurück. Um 6,87 Prozent hat der ATX 1999 zugelegt. Der Dax schaffte im selben Jahr ein Plus von 39,10 Prozent, und gäbe es da nicht die Zürcher Börse, Wien wäre der behäbigste Aktienmarkt Europas. Westeuropas genauer gesagt, denn Börsenvorstand Erich Obersteiner hat einmal tröstend bemerkt: "Ungarn, Tschechien und Polen zusammen machen gerade so viel Umsatz wie Wien allein."

Demnächst, im Frühjahr 2001 wohl, kommt den Wienern auch noch ihr mit Abstand umsatzstärkster Titel abhanden: Die Bank Austria wird von der bayerischen Hypo-Vereinsbank (HVB) übernommen. Der ATX, in dem die Bank Austria mit 23,3 Prozent gewichtet wird - der nächste der 22 Titel, die Österreichische Mineralölverwaltung, folgt mit 10,4 Prozent - gerät aus den Fugen. Mittlerweile finden selbst alt eingesessene österreichische Betriebe ihren Handelsplatz zu langweilig. Der Senffabrikant Mautner-Markhof denkt an einen Komplettrückzug, weil so lächerlich wenig gehandelt werde. Und neue, wachstumsträchtige Unternehmen notieren lieber gleich in Frankfurt. Ein Dutzend waren es 1999. Darunter ist die steirische AT & S, ohne deren Leiterplatten ein Drittel aller europäischen Handys nicht funktionieren würde, und die sich sowohl vor Aufträgen als auch vor Gewinn kaum mehr retten kann.

Im November 1999 machte sich die Wiener Börse schon einmal große Hoffnungen. Sie ließ sich ans Frankfurter Handelssystem Xetra anschließen und dachte somit vom Rand des Börsen-Europas ins Zentrum katapultiert zu werden. Messbare Erfolge, so räumt man in Wien mittlerweile ein, habe das aber nicht gebracht. Von April an, seit dem allgemeinen Kurseinbruch der "New Economy", sei der Handel sogar zurückgegangen. "Warum, wissen wir nicht", sagt Johann Schmit, der Sprecher der Wiener Börse. Denn Wien ist gerade in Sachen "New Economy" ziemlich unbeleckt. Die bei modischen Anlegern so gefragten Technologie- und Software-Titel sind rar. Genau auf diesen Umstand führt Christian Helmenstein vom Institut für Höhere Studien und mit ihm alle anderen Experten das schlechte Erscheinungsbild der Börse zurück. Das Übergewicht traditioneller Branchen könnte laut Helmenstein sogar dazu führen, "dass trotz der ansehnlichen BIP-Wachstumsraten in Österreich die Marktbewertung der Wiener Börse zurückgeht."

Die Wachstumsfirmen, die man hat, zeigt man neuerdings in einem "Vienna Dynamic Index" (ViDX); zu dessen bisher zwölf sollen im Laufe des Jahres fünf weitere Werte dazukommen - nachdem der erste Index dieser Art, der Austria Growth Market (AGM) als erledigt gilt: Die zwei Firmen, die darin Aufnahme fanden, sind alleine geblieben. Als zweiter Grund für das Dahindümpeln der Wiener Börse wird meist die geschichtliche Entwicklung genannt. Der Wiederaufbau nach dem Krieg sei eben nicht über die Börse finanziert worden, und als Österreich später, in der Ära Kreisky, "die höchste Verstaatlichtenquote der Welt" hatte, "lag eine Kapitalbeschaffung an der Börse auch nicht im Interesse dieser Betriebe", sagt Schmit. Eine aktienmuffelige Mentalität, ein Denken in Kategorien von Beständigkeit und Sicherheit, geschult an der Rundumversorgung eines rötlich getönten Wohlfahrtsstaates, hielt die Bevölkerung von der Börse ab. Von ihren insgesamt 483 Milliarden Mark Geldvermögen hätten die Österreicher annähernd die Hälfte, 213 Milliarden Mark, in Sparbüchern angelegt, sagt Schmit. Im Privatisierungs-Programm der Regierung sieht auch der Wiener Börsenvorstand eine Chance, den Umsatz - zur Zeit 200 Millionen Mark pro Tag - zu verdreifachen. Der Finanzminister, der dringend Geld zur Sanierung des Haushalts braucht, und dabei zunächst einmal auf vier Milliarden Mark hofft, drängt die Telekom Austria auf den Markt. Im Oktober sollen 25 Prozent der Anteile in Form einer "Volksaktie" verkauft werden Die Börse will dabei ein Marketing betreiben, wie Deutschland es mit der "T-Aktie" vorgemacht hat. Dann, so hoffen alle, kommt die Wiener Börse endlich in Schwung. "Es ist ihre letzte Chance", sagen die Analysten.

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