Wirtschaft : Wiener Wirtschaftsforscher enttäuschen EU-Anwärter

pk/kg

Nach den am Dienstag vorgelegten "Fortschrittsberichten" der Europäischen Union (EU) dämpft das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) die Hoffnungen der EU-Anwärter auf einen raschen Beitritt. Bei der Vorstellung der neuen Konjunkturprognose für die Mittel- und Osteuropäischen Länder (MOEL) am Donnerstag erklärte der Wirtschaftsforscher Sándor Richter zu den vorgelegten Berichten aus Brüssel, die EU-Kommission lege es auf einen "Big Bang" im Beitrittsprozess an. Er sei skeptisch, ob das "ehrgeizige Projekt" tatsächlich bis 2004 geschafft werde, sagte Richter, zumal die schwierigste und kostenträchtigste Verhandlungsmaterie mit den zehn fraglichen Beitrittsländern etwa über die Zukunft der EU-Landwirtschaft "noch völlig offen" sei. Als "realistisches Datum" für die EU-Osterweiterung nennt das Wiener Institut die Jahre 2005/2006. Ein Hinausschieben der Erweiterung hätte zur Folge, dass die Länder nicht an der Europawahl von 2004 beteiligt würden.

Das Wiener Institut zeigt sich in seiner jüngsten Prognose relativ optimistisch für die Reformstaaten Mittel- und Osteuropas. Sollte sich die Weltwirtschaft in der zweiten Jahreshälfte 2002 wieder erholen, dann könnten die Reformstaaten - mit der Ausnahme Polen - die derzeitige Krise ohne größeren Schaden für ihr Wachstum überstehen. Begründet wird die Einschätzung vorrangig mit den jüngsten Marktanteilsgewinnen der Reformstaaten in der Europäischen Union.

Zudem sei die Inlandsnachfrage in den meisten mittel- und osteuropäischen Ländern (einschließlich Russlands) robust und kompensiere die schwächeren Nettoexporte. Peter Havlik, Chef des Wiener Institutes, erklärte, mit Ausnahme Polens gebe es keinerlei Anzeichen für eine spürbare Wachstumsverlangsamung in der Region. Nur in Russland dürften niedrigere Energiepreise das Wachstum etwas bremsen - von 5,1 Prozent im laufenden auf drei Prozent im nächsten Jahr. Die relativ gute Konjunktur werde nur von Polen getrübt. Das Institut erwartet in Polen wegen der hausgemachten Probleme vor allem mit dem ausufernden Haushaltsdefizit für 2002 eine Stagnation, im laufenden Jahr sollte noch ein Wachstum von einem Prozent möglich sein. Im Juli hatte das Institut für Polen noch einen Zuwachs des Bruttoinlandproduktes von vier Prozent vorausgesagt.

Etwas zurückgenommen wurde die Wachstums-Prognose für das laufende Jahr auch für Ungarn - von 4,8 Prozent auf jetzt vier Prozent. Dagegen entwickelt sich die Konjunktur in Tschechien sogar etwas besser (plus 3,7 Prozent). Insgesamt rechnet das Wiener Institut für Polen, Ungarn, die Slowakei, Tschechien und Slowenien für 2001 mit einem Zuwachs von 2,4 (nach drei Prozent im Juli). 2002 sollten es wegen Polen nur noch 1,7 (4,1) Prozent sein.

Als Folge des stärkeren Importwachstums in den meisten Reformländern sieht das Institut steigende externe Ungleichgewichte als Nebeneffekte der höheren Inlandsnachfrage und der Aufwertung der meisten Währungen. Das gelte neben den auf Auslandshilfe angewiesene Ländern auf dem Balkan auch für die Slowakei. Dort nehme das Leistungsbilanzdefizit "dramatisch" zu, auch wenn die "potenzielle Gefahr einer Krise" durch den Rückgang der Energiepreise etwas abgeschwächt werde. Die Verbraucherpreise steigen mit der Ausnahme Rumäniens nur noch einstellig und zeigen zudem weiter sinkende Tendenz. Kaum Fortschritte sind bei den Arbeitslosenzahlen zu melden, in einigen Ländern nimmt diese sogar wieder zu. Sollte es zu keiner Rezession in der EU kommen, wird für die Reformländer 2002 und 2003 ein Wachstum von drei bis vier Prozent im Schnitt erwartet.

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