Wirtschaft : "Wieso lagen wir alle bei Asien so grundfalsch?"

KARL KRÄNZLE

Katerstimmung bei Hongkonger InvestorenkonferenzVON KARL KRÄNZLE HONGKONG.Paul Krugman, Ökonomie-Professor am Massachusetts Institute of Technology (MIT), schwimmt gerne gegen den Strom.Vor vier Jahren, als eine richtige Asien-Euphorie aufgekommen war, zweifelte er an der Dauerhaftigkeit des asiatischen Wirtschaftswunders.Jetzt, nachdem er mit seiner damals von vielen mitleidig belächelten These Recht bekommen hat, behauptet er, Asien werde sich schneller erholen, als gemeinhin angenommen.Bei einer von Credit Suisse First Bosten (CSFB) in Hongkong organisierten Investoren-Konferenz stellt er fest, die Aussichten blieben zwar noch eine zeitlang getrübt, dennoch solle man sich bereits jetzt wieder an den Finanzmärkten dieser Region engagieren. "Während Indonesien mich als Bürger dieser Welt und als Befürworter der Pax Americana etwas ängstigt, lockt mich das Land als Investor", sagt der Professor.In Indonesien gebe es nach wie vor eine produktive Realwirtschaft, riesige natürliche Ressourcen, billige und trotzdem ziemlich effiziente Arbeitskräfte sowie Vermögenswerte, die auf ein Zehntel ihres früheren Wertes geschrumpft sind.Er sei sich des wirtschaftlichen, sozialen und politischen Konfliktstoffs voll bewußt: "Der Mix einer korrupten Autokratie, ethnischer und sozialer Spannungen, Glaube an Quacksalber und - ja - auch Pfuscherei des IWF könnte zu einer Katastrophe führen." Die Kurse seien jedoch "zu tief" gefallen, und darin liege auch eine Chance. Obwohl er selbst Weitsicht bewies, stellt sich der MIT-Professor die Frage: "Wieso lagen wir alle - Banker, IWF, Politiker und Ökonomen - so grundfalsch?" Viele entschuldigten sich jetzt mit der Behauptung, eine derartige Krise habe es bislang noch nie gegeben.Diese sei in Größenordnung und Schärfe viel schlimmer als alles, was selbst notorische Pessimisten in ihren Szenarien vorwegnehmen konnten. Krugman bestreitet diese Argumentation und zitiert dabei aus einer Studie aus dem Jahr 1984.Die Analyse könnte die Situation in Thailand oder Korea beschreiben, beschäftigt sich aber tatsächlich mit Chile.Selbst eine anscheinend gesunde Wirtschaft könne ruiniert werden, wenn das Bankenwesen - wie heute in Asien - krank sei, zieht er die Lehre aus der Studie.Trotz der außerordentlich scharfen Finanzkrise gebe es jedoch auch wieder die Aussicht auf eine verheißungsvolle Zukunft."Am bemerkenswertesten sind in Asien zur Zeit nicht die negativen, sondern die positiven Dinge", sagt der Professor.Acht Monate nach Beginn der Krise in Lateinamerika sei nicht ein einziger Dollar an ausländischem Kapital freiwillig in die Region zurückgeflossen, während es den Gläubigern an der elementarsten Bereitschaft zur Verlängerung der Kredite gefehlt habe.In Asien sei das jetzt anders.Schon jetzt gebe es Anzeichen, daß wieder Kapital in diese Region zurückfließe, wenn auch erst in kleinen Mengen.Krugman glaubt, daß Thailand und Südkorea die Krise am raschesten bewältigen werden. Bei der Investorenkonferenz gab es auch ganz andere Stimmen.Die von Noordin Sopie zum Beispiel, Leiter des renommierten Institute for Strategic and International Studies (ISIS) in Kuala Lumpur und Mitglied eines engen Kreises von Beratern des malaysischen Ministerpräsidenten Mahathir bin Mohamad.Vor der Krise wollte er am asiatischen Wunder überhaupt nicht zweifeln, nun glaubt er nicht, daß das Ende der Krise bereits in Sicht sei.Noordin und Krugman sind aber in einem Punkt gleicher Meinung: China befindet sich in einem noch bedenklicheren Zustand als Südostasien und Korea.Korruption, Rechtsunsicherheit und Bankenschwäche haben im Reich der Mitte größere Dimensionen erreicht als in der übrigen Region."Maximal ein Jahr" glaubt Noordin, kann China der asiatischen Grippe noch widerstehen.Krugman ist optimistischer und glaubt nicht, daß es in China in den nächsten zwei bis drei Jahren zu einer Abwertung kommen werde.Selbst im schlimmsten Fall sei wegen der hohen Währungsreserven und der niedrigen externen Verschuldung eine Krise wie in Südostasien unwahrscheinlich; schlimmstenfalls komme es zu jahrelanger Stagnation wie in Japan. Paul Krugman und Noordin Sopie stehen heute zueinander wie der Häretiker und der Konvertit.Krugman, der dem asiatischen Wirtschaftswunder stets mit einer gesunden Skepsis begegnet war, ist nicht niedergeschlagen.Noordin hingegen wirkt müde und resigniert.

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