Wirtschaft : Wilfried Stein

Geb. 1952

David Ensikat

Regeln galten eigentlich nur, wenn er sie selbst erlassen hatte. Vom Rock’n’ Roll verstehen die Amerikaner gar nichts. Unter den 60 weltbesten Tanzpaaren ist kein einziges amerikanisches. Boogy Woogy, Jitterbug, Lindy Hop, das können sie da drüben tanzen, aber wenn sie ein europäisches Turnierpaar in engen Glitzeranzügen beim Rock’n’Roll erblicken, dann halten sie das für eine ausgeflippte Form des Cheerleading.

Tatsächlich ist der akrobatische Rock’n’Roll eine europäische Angelegenheit, entwickelt seit jener Zeit, in der in etwas anderen gesellschaftlichen Kreisen der Punk gerade aufkam. Es war die Zeit, als Wilfried Stein mit seiner ersten Frau zusammenlebte und beide meinten, sie müssten ihre Beziehung ein wenig mobilisieren. Wilfried Stein liebte die Rock’n’Roll-Musik – was lag da näher, als dazu zu tanzen? Die beiden traten in den „Rock’n’Roll-Club Butterfly“ ein.

Und bald beteiligten sich an Turnieren – so erstaunlich, wie es heute erscheinen mag, war das jedoch nicht. Damals ging es im Turniertanz noch nicht um doppelte und geschraubte Salti und „Todessprünge“. Auch Wilfried Stein hat seine Tanzpartnerin um seinen Kopf herumgewirbelt, hat sie per Räuberleiter in die Luft geworfen. Aber in der Zehlendorfer Diskothek „Hi-Fi“, wo sie trainierten, waren die Räume keine vier Meter hoch – höher flogen die Damen damals noch nicht. Mit der Hochleistungsakrobatik des heutigen Turniertanzes hatte der Rock’n’Roll noch wenig zu tun. Der Sportanteil ist mit den Jahren immer wichtiger geworden, auf Kosten des Spaßanteils.

Da Wilfried Stein einer war, der nicht nur sich selbst bewegen wollte, sondern auch die Dinge in der Welt, gründete er bald seinen eigenen Rock’n’Roll-Verein mit Namen „Cadillac“. Er arbeitete beim Bezirksamt Steglitz und kannte Hinz und Kunz, das war sehr hilfreich. Auf einem Spaziergang mit seiner zweiten Frau entdeckte er den stillgelegten S-Bahnhof Lichterfelde Süd. Das Kassengebäude konnte er für 50 Mark im Monat mieten, er renovierte es mit Leuten vom Verein, sie stellten Nierentische und Cocktailsessel hinein, hängten Coca-Cola-Emailleschilder an die Wand, hatten einen stilechten Vereinsraum und ahnten gar nicht, dass man für so was später den Begriff „Retro- Look“ benutzen würde.

Natürlich braucht ein Rock’n’Roll- Club einen großen Trainingsraum. Weil Wilfried Stein mit den entscheidenden Kollegen beim Bezirksamt per Du war, kamen sie erstmal in der Sporthalle eines Jugendheimes unter. Weil er aber auch so tatendurstig war und keinerlei Respekt vorm Unlösbaren verspürte, konnte es dabei nicht bleiben. Der Verein baute sich einen eigenen Tanzsaal, und zwar auf dem Bahnsteig des S- Bahnhofs, gleich neben dem Vereinsraum mit den Nierentischen. Hätte Wilfried Stein immer auf die schlauen Leute gehört, die wussten, welche Probleme bei einem solchen Bau entstehen können – die Halle stünde heute nicht. Gut, sie haben keinen teuren Schwingboden, und auch sonst sieht es an manchen Stellen eher gebastelt als gebaut aus. Aber es gibt die Halle, also bitte!

Wo andere Leute die Augenbrauen hoben und die Wenns und Abers abwogen, da zwirbelte Wilfried Stein seinen langen Schnauzbart, zündete sich eine Zigarette an, füllte seine Tasse mit frischem Kaffee und wusste schon, wer weiterhelfen konnte, wen man zuerst anrufen musste. Regeln galten eigentlich nur, wenn er sie selbst erlassen hatte. Und selbst dann waren das nur Näherungswerte. Auf dem Haveldampfer ist es für ein Rock’n’Roll-Turnier zu niedrig? Dann machen wir eben ein Boogy-Woogy-Turnier.

In seinem Tanzclub tanzte der Chef selbst kaum noch. Er kümmerte sich um alles, da blieb keine Zeit, selbst zu trainieren. Dass ihn am Tanzen schon immer mehr der Spaß als der Sport interessiert hatte, sah man ihm irgendwann auch an. Die athletischen Zeiten ließ er hinter sich.

Überhaupt, der Sport: In den neunziger Jahren wurde der Turnier-Rock’n’ Roll vollends zur Hochleistungsturnerei. Mediziner perfektionierten die Bewegungsabläufe, die werfenden Männer wurden immer größer und stärker, die fliegenden Frauen immer kleiner und biegsamer: 100 Kilo Herr und 50 Kilo Dame – aus sportlicher Sicht die ideale Mischung, als Tanzpaar eher skurril. Um die 50er-Jahre-Musik, die Wilfried Stein so mochte, ging es kaum noch. Wichtiger wurden dafür die Wettkampfregeln.

Gut vorstellbar, dass einer wie er irgendwann die Lust verlor. Und als es im Verein hin und wieder einen Einspruch gab, wenn er seine einsamen und spontanen Entscheidungen getroffen hatte, da war es für ihn genug, und er stieg aus. Seine dritte Frau hatte mit dem Rock’n’Roll ohnehin nicht viel am Hut.

Hat sich Wilfried Stein eigentlich von was anderem als Kaffee und Zigaretten ernährt? Jedenfalls legte man ihm früh einen Bypass. Und früh ist er am Herzinfarkt gestorben.

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