Wirtschaft : Wilhelm Tietze

Geb. 1941

Kirsten Wenzel

In leisen Momenten sagte er: So gut wie mein Vater kann ich nicht sein. Er stand in der Küche bis nachts um zwei, dazu klangen russische Volksweisen. Die Haare hellgrau, der Kopf, der Bauch kugelrund, und im Gesicht der Kaiser-Wilhelm-Bart. Schnitt kiloweise Apfelringe zum Trocknen, trank Schnaps, sang mit, erzählte Geschichten über Laos, Brasilien, Sibirien, selbst erlebte und selbst erfundene, meist eine unentwirrbare Mischung aus beiden.

Er brauchte nur wenig Schlaf, er hatte viel zu erledigen. Draußen in der Welt, wo es etwas zu bewegen galt. Dazu war das Leben da und der Familienname eine Verpflichtung. Der Großvater: berühmter Arzt und Entdecker des „Tietze-Syndroms“, der Vater: auch ein bekannter Arzt, und dazu noch ein in der Gedenkstätte Yad Vashem geehrter Judenretter – das setzte hohe Maßstäbe für einen, der nur Architekt geworden war und fließend sieben Sprachen sprach. Er rekonstruierte Tempelanlagen in Laos und Vietnam, baute Häuser in Berlin, unterrichtete Baugeschichte. Ständig war er auf Achse, sagt sein Sohn, in den letzten Jahren hat man ihn kaum noch gesehen, immer riss es ihn fort, sein Tatendrang, sein Abenteuergeist. Und in leisen Momenten sagte er: So gut wie mein Vater kann ich doch nicht sein.

Es gibt eine Legende über den Wilhelm Tietze und seinen Vater Albrecht: Für die berühmten Zeichengeschichten von „Vater und Sohn“ von E.O.Plauen sollen die zwei Modell gewesen sein. Historisch wahr kann das nicht sein, auch wenn Albrecht Tietze tatsächlich ein Freund des Künstlers war. Die Geschichten erschienen Jahre bevor Wilhelm überhaupt auf die Welt kam. Doch so kleinkariert korrekt dachte er nicht. Die Geschichte war schön, also erzählte er sie, und spätestens, als er so aussah wie der Vater auf den Zeichnungen und doch ein großes Kind geblieben war, stand die höhere, menschliche Wahrheit fest.

Er war ein verspielter Vater, von Normalität, vom Erziehen hielt er nicht viel. Seinem vierjährigen Enkelsohn brachte er lieber das Skatspielen bei, und gleich noch das Schießen mit dem Luftgewehr. Seine Kinder ließ er so ziemlich alles machen, was sie wollten, saß ruhig dabei, als sie im Spiel das Klavier ruinierten. Er lebte getrennt von der Familie. Sohn und Tochter fanden dafür in seinem riesigen Spandauer Dachgeschoss einen grenzenlosen Abenteuerspielplatz vor. Mit Geweihen an den Wänden, ohne Zimmer und Türen.

Kollegen, die von ihrer Frau vor die Tür gesetzt worden waren, sagte Tietze: Mensch, nicht so schlimm, komm erst mal zu mir. Dann wohnten sie ein paar Monate zusammen und er kochte für den Besuch Schweinebauch mit Knoblauch und besonders viel Olivenöl. Manchmal wohnten da auch Leute, die er gar nicht kannte, illegale Flüchtlinge. Das war sein Helfersyndrom, sagt seine Tochter achselzuckend, als spräche sie von einer Erbkrankheit; aber einer harmlosen. Einmal hat ihn eine blinde Frau auf dem Ku’damm gefragt, ob er ihr über die Straße helfen kann. Noch Jahrzehnte später besuchte er sie zwischen seinen Reisen, machte ihre Wohnung sauber und räumte auf.

Mit beinah jedem war er schnell per Du, hatte Freunde auf der ganzen Welt, nur Snobs und Intellektuelle konnte er nicht ausstehen. Und doch fühlte er sich allein am wohlsten. In der Lüneburger Heide schuf er sich sein „Labor“. Ein altes Bauernhaus, an dem er jahrelang herumbaute. Ein Höhlensystem gibt es dort für die Enkelkinder, und einen Altar für den großen Vater, die Bücher des Vorbildes, seine Orden, seine Möbel, alles sorgfältig aufgebaut, doch nichts um sich darin auszuruhen.

Wilhelm Tietze stand am liebsten. Wenn nicht in der Küche, dann auf einer Baustelle. Oder an einem der traditionellen Lehm- und Ziegelöfen, von denen er in seinem Leben Dutzende gebaut hatte. Vom Stehen vermutlich kam sein Hüftleiden. Er ließ sich eine antike Therme ins Bauernhaus bauen, eine überdimensional breite und tiefe gekachelte Badewanne in einem Spezialraum für sein persönliches Reha-Programm, unpraktisch, aber interessant – und ging dann für die Operation ins Krankenhaus.

Drei Wochen darauf starb er. Das Römische Bad im Bauernhaus, in das er sich gemütlich hatte legen wollen, es blieb als Baustelle zurück, unvollendet und ungenutzt, bis heute.

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