Wilhelm Wegner : ''Ich lasse mich nicht erpressen''

Telekom-Betriebsratschef Wilhelm Wegner sprach mit dem Tagesspiegel über über die Spitzelaffäre und eine Konfrontation mit Klaus Zumwinkel im Post-Tower.

wilhelm wegner
Wilhelm Wegner wurde im Jahr 2005 bespitzelt. -Foto: Kai-Uwe Heinrich

Herr Wegner, wann haben Sie erfahren, dass sie verdächtigt werden, interne Informationen aus dem Aufsichtsrat an Journalisten weitergegeben zu haben?

Im Herbst 2005 habe ich eines Morgens einen Anruf vom damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Klaus Zumwinkel bekommen. Er bat um ein Gespräch. Ich habe ihn gefragt, ob wir das nicht telefonisch erledigen können. Doch er bestand auf einem persönlichen Gespräch. Das fand am selben Tag in seinem Büro im Post-Tower in Bonn statt. Zu meiner Überraschung war auch der damalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom, Kai-Uwe Ricke, anwesend. Zumwinkel hat dann ohne Umschweife gesagt, er habe den Verdacht, dass ich Kontakte mit Journalisten habe. Er sagte auch, dass es Hinweise gebe, wonach ich Informationen aus dem Aufsichtsrat an Reporter weitergegeben hätte.

Hatte er Beweise für seine Behauptung?

Nein, ich habe keine gesehen, aber auch nicht danach gefragt. Ich war perplex. Ich hatte mit allen möglichen Dingen gerechnet – aber nicht damit. Ich habe dann gesagt, mir sei sehr wohl bewusst, dass vertrauliche Unterlagen aus dem Aufsichtsrat nicht herausgegeben werden dürfen und dass ich das natürlich auch nicht getan hätte.

Wer führte das Wort?

Zumwinkel. Ricke hat gar nichts gesagt, er saß nur dabei.

Wie hat er begründet, dass ausgerechnet Sie Interna ausgeplaudert haben sollen?

Zumwinkel sagte, ihm liege die eidesstattliche Erklärung eines Mitarbeiters des Wirtschaftsmagazins ,Capital‘ vor, wonach in Unterlagen, die aufgrund von polizei- und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen in den Redaktionsräumen von ,Capital‘ beschlagnahmt wurden, auch Unterlagen gewesen sind, die der Telekom zuzuordnen gewesen seien. Man habe einen Mitarbeiter dazu befragt. Und der habe eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, wonach diese Unterlagen aus der Telekom kämen, und zwar von mir.

Haben Sie die Erklärung gesehen?

Nein, ich weiß auch nicht, ob sie überhaupt existiert.

Wie lange hat das Gespräch gedauert?

Etwa 10 bis 15 Minuten.

Wie haben Sie reagiert?

Das ganze mündete in die Frage, ob ich Informationen beziehungsweise Unterlagen an Journalisten weitergegeben habe. Daraufhin habe ich gesagt: Nein. Das war’s dann.

Damals konnte man die interne Mittelfristplanung der Telekom in ,Capital‘ nachlesen. Das soll den Zorn von Aufsichtsrat und Konzernspitze erregt haben. Haben Sie sich nicht auch darüber gewundert?

Es gab Hinweise, wonach bereits Ende der 90er Jahre gezielt Informationen nach außen gelangt sind. Dass es darüber eine gewisse Verärgerung gegeben hat, muss man verstehen. Solche Indiskretionen können Geschäfte kaputt machen. Insofern waren sich die Aufsichtsräte bewusst, dass vertrauliche Informationen nicht an unberechtigte Personen weitergegeben werden dürfen.

Waren die Indiskretionen Thema im Aufsichtsrat?

Ich kann Ihnen aus dem Aufsichtsrat nichts berichten. Ich kann Ihnen aber sagen, dass Indiskretionen mich immer wieder geärgert haben.

Waren Sie nicht empört, als Zumwinkel Sie später mit den Vorwürfen konfrontierte?

Natürlich war ich schockiert über so einen Verdacht. Wie soll man reagieren in einer solchen Situation? Man kann sich natürlich empören. Aber ich war mir keiner Schuld bewusst. Ich habe keine Unterlagen weitergegeben. Zumwinkel sagte sinngemäß, dann stehe ja Aussage gegen Aussage. Und auf meine Frage, wie es nun weitergehe, sagte er: „Machen Sie sich keine Gedanken darüber, damit hat es sein Bewenden.“

Und dann?

Dann habe ich nie wieder davon gehört – bis die ersten Berichte in der Presse waren, dass telefonische Verbindungsdaten ausspioniert wurden.

Sie haben sich nicht dafür interessiert, welche Informationen man über Sie hatte?

Nein, ich hatte gar nicht an die Möglichkeit gedacht, dass im Hintergrund Operationen gelaufen sein könnten, die den Rahmen der Legalität schon längst verlassen hatten. Auf die Idee kommt man ja gar nicht.

Wurde der betroffene Journalist mit Namen erwähnt?

Ja, ich wurde gefragt, ob ich einen bestimmten Journalisten von ,Capital‘ kenne.

Und, kennen Sie ihn?

Kennen ist übertrieben. Man hat gelegentlich telefoniert und sich auch in der Telekom-Zentrale mal gesehen. Dass ich Kontakt zu Journalisten habe, ist völlig unstrittig, gehört zu meinem Job und ist in jeglicher Hinsicht mein gutes Recht. Eines gilt auf jeden Fall: Wer in Deutschland an welchem Tag zu welcher Uhrzeit mit wem telefoniert, das geht niemanden etwas an, niemanden.

Es gibt das Gerücht, dass Zumwinkel Ihnen ein Geschäft angeboten hat: Er zeigt Sie nicht wegen Geheimnisverrats an, dafür halten Sie beim geplanten Personalabbau still.

Das ist völlig absurd. Angenommen es wäre so, dann hätte der Vorsitzende des Aufsichtsrats sich strafbar gemacht. Denn da ist nichts zu dealen. Wenn Verfehlungen vorgelegen hätten, wie etwa ein Geheimnisverrat, dann hätte Zumwinkel handeln müssen. Da gibt es keinen Spielraum im Aktienrecht. Und das Zweite ist: Das wäre Erpressung. Und ich lasse mich nicht erpressen. Vor allem aber: Die Auseinandersetzungen über diverse Pläne des Vorstands sind in den letzten Jahren deutlich schärfer und kontroverser geworden – bis hin zum Streik. Wenn das Gerücht wahr wäre, hätten wir zu allem Ja und Amen sagen müssen.

Hatten Sie Indizien dafür, dass Sie bespitzelt wurden?

Nein, dafür hatte ich kein Indiz. Ich habe erst kurz vor der Veröffentlichung der Spitzelaffäre im „Spiegel“ davon erfahren.

Was haben sie dort konkret erfahren?

Im Spiegel hieß es, ein Schreiben einer Berliner Firma sei im Büro eines Mitarbeiters als Fax angekommen. Aus dem Tenor des Schreibens könne man entnehmen, dass die Telekom erpresst werden soll. Mir war zunächst gar nicht klar, welchen Hintergrund das hat. Nach und nach habe ich durch Presseveröffentlichungen erfahren, dass ich möglicherweise in die Geschichte verwickelt bin.

Niemand hat Sie direkt informiert?

Nein. Keiner hat konkret gesagt, worum es geht. Alles ist erst scheibchenweise herausgekommen.

Wie?

Der Artikel im ,Spiegel‘ hat eine gewisse Aufklärung gebracht. Dem konnte ich die Behauptung entnehmen, dass Verbindungsdaten über einen gewissen Zeitraum gezielt gesammelt worden wären – beispielsweise über Mitglieder des Aufsichtsrats. Und dass diese Daten dann einer Firma zur Auswertung übergeben worden sind, die möglicherweise Bewegungsverbindungsprofile erstellt hat. Ich habe die Befürchtung, dass es dabei nicht nur um die Ausspähung von Kontakten ging.

Sondern?

Mich interessiert, welche Verbindungen ausgeforscht wurden, ob etwa auch die Telefone des Betriebsrats überwacht wurden. Gegebenenfalls handelt es sich um eine ganz gezielte Attacke gegen die Arbeitnehmervertreter, gegen die betriebliche Mitbestimmung. Ich frage mich, ob es insgesamt ein Versuch war, die betriebliche Mitbestimmung in Misskredit zu bringen.

Vorstandschef René Obermann hat eine lückenlose Aufklärung der Affäre angekündigt. Hat er sich bei Ihnen entschuldigt?

Ich habe darüber mit Obermann das eine oder andere Gespräch geführt, wobei in diesem Zusammenhang Höflichkeitsfloskeln für mich keine Rolle spielen, sondern allein die vollständige Aufklärung. Die entscheidende Frage ist doch, was ist nach dem Gespräch zwischen Zumwinkel, Ricke und mir passiert? Denn anders als Zumwinkel es mir gesagt hatte, war der Fall damit offenbar nicht abgeschlossen.

Richtig, denn bereits 2007 erfuhr Obermann von der Bespitzelung. Er baute die gesamte Sicherheitsabteilung um. Haben Sie damals mitbekommen, dass Sie das Opfer waren?

Nein.

Obermann sagt, die Sache sei damals intern bereinigt worden. Wie kann man etwas bereinigen, wenn man die Betroffenen nicht informiert?

Hier bewegen wir uns in den Bereich der Spekulation. Was ich dem derzeitigen Vorstandsvorsitzenden im positiven Sinne zugutehalte, ist, dass er derzeit alles daran setzt, die Angelegenheit aufzuklären. Nichts ist schlimmer für das Unternehmen, als Woche für Woche mit immer neuen Enthüllungen in den Schlagzeilen zu stehen. Als Obermann im November 2006 den Vorstandsvorsitz übernommen hat, hatte er weiß Gott anderes zu tun, als sich mit solchen Interna zu beschäftigen.

Es sitzen mehrere Mitglieder von Verdi im Aufsichtsrat. Warum hat Zumwinkel ausgerechnet Sie angesprochen?

Ob noch andere Mitglieder angesprochen worden sind, weiß ich nicht. Es sind in der Presse weitere Namen genannt worden. Insofern haben wir uns als Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat darauf verständigt, dass wir als Arbeitnehmergruppe im Aufsichtsrat kollektiv nach entsprechenden Beratungen mit den Anwälten Strafanzeige stellen. Aus heutiger Sicht kann niemand sagen: Der war dabei und der nicht.

Das Gespräch führten Ralf Schönball und Corinna Visser.

0 Kommentare

Neuester Kommentar