Wirtschaft : Willi Ebbinghaus

(Geb. 1914)||Das Stoff gewordene Grauen hatte einen Namen: Bluejeans.

Katja Füchsel

Das Stoff gewordene Grauen hatte einen Namen: Bluejeans. Willi Ebbinghaus trug nur Ebbinghaus. Selbst als er längst im Augustinum am Stadtrand lebte, nahm sich der Firmen-Gründer ein Taxi, um am Spittelmarkt, in der letzten Berliner Filiale, einzukaufen. Bei einem seiner Besuche, zur Zeit der Fußball-Weltmeisterschaft, kaufte Willi Ebbinghaus dort zwei Deutschland-Jacken, zwei Deutschland- Mützen und zwei Deutschland-Fahnen.

Das Stoff gewordene Grauen hatte für Willi Ebbinghaus einen anderen Namen: Bluejeans. Er hielt sie für eine amerikanische Geschmacksverirrung, die seine ganze Branche durcheinandergebracht hatte. Er stammte aus einer Verkäufer- Generation, die die Kunden noch persönlich an der Tür begrüßte. Aus einer Zeit, als die Standardkonfektion des Mannes aus zwei Mänteln und zwei Anzügen bestand, einer für den Sommer, einer für den Winter. „Das haben dann alles die Jeans über den Haufen geworfen“, sagte Ebbinghaus. Er hat den Jeans das nie verziehen.

Willi Ebbinghaus war ein Patriarch. Das sagen alle, die ihn kannten, so die Tochter, die vier Enkel und neun Urenkel, aber eigentlich muss man sich nur sein letztes offizielles Foto ansehen. Groß wirkt er selbst im Sitzen, gelassen schaut er in die Kamera, die Hände vor dem Bauch gefaltet. Er trägt ein weißes Hemd, goldene Ringe an den Fingern, am Handgelenk eine schwere Uhr. Manche sagen, Ebbinghaus sei ein fairer und berechenbarer Chef gewesen, andere nennen ihn despotisch. Sein Nachfolger sagt über seine Lehrjahre: „Wenn man seinen Frieden haben wollte, hat man sich bei ihm besser gar nichts erlaubt.“

Willi Ebbinghaus wurde in Wuppertal geboren, seine Karriere begann Ende der zwanziger Jahre, als er quer durchs Land reiste, als Angestellter von Bekleidungshaus zu Bekleidungshaus zog: Er arbeitete in Dortmund, Essen, Kiel, München … In einem Kaufhaus lernte er Helga kennen, er heiratete sie und nahm sie mit auf seine Deutschland-Tournee. 1945 eröffneten die beiden ihr erstes Geschäft in Friedenau. Da gab es neben der Bekleidung Kaffeewärmer, Decken, Bratpfannen.

Nach der Blockade ging es mit dem „Haus für gute Kleidung“ bergauf. 1971 gehörten Ebbinghaus sechs Bekleidungshäuser. Für die West-Berliner wurde Ebbinghaus in Sachen Mode, was Tempo für wunde Nasen ist. 1989 übergab der Chef das Alltagsgeschäft an zwei seiner ehemaligen Lehrlinge. „Ich könnte heute keinen Jugendlichen mehr ankleiden“, sagte er, „… auskleiden schließlich auch nicht mehr.“

Es gab auch noch den Funktionär Ebbinghaus. Dessen Karriere begann 1947, als öffentliche Versammlungen noch verboten waren, und Ebbinghaus sechs Textilhändler ins Wohnzimmer lud, um einen Fachverband zu gründen. Auf die Tagungsordnung setzte er an Punkt eins: den starren Ladenschluss. Ebbinghaus sammelte Ehrenämter, spendete per Dauerauftrag an ein Dutzend Vereine, Gedächtniskirche, Sielmann-Stiftung, Kriegshilfe. Dem Berliner Zoo schenkte er einen Leoparden, zwei Nashörner und einen Elefanten.

Mit dem Fall der Mauer waren für Ebbinghaus harte Zeiten angebrochen, im wiedervereinigten Berlin verloren die alten Einkaufsstraßen an Bedeutung, „Hennes und Mauritz“, „Gap“ und andere kamen. Das „Haus für gute Kleidung“ versuchte mitzuhalten, verjüngte das Konzept, drängte in den Ostteil – und musste nach der Euro-Umstellung endgültig aufgeben. 2003 meldete Ebbinghaus Insolvenz an und schloss acht der zehn Filialen.

Über 60 Jahre Ehe – und immer hat er Helga Ebbinghaus geholfen: in den Mantel, aus der Tür, ins Auto. „Die gute, alte Schule“, nannte Ehemann Ebbinghaus das. Als seine „Helli“ vor zwei Jahren starb, wünschte er sich eine Bank direkt an ihrem Grab. Hier saß er stundenlang, bei brütender Hitze, im strömenden Regen. Immer ohne Schirm und einmal noch in der Jacke mit den schwarz-rot-goldenen Streifen.

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