Wirtschaft : William Strieder , geb. 1912

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Ein letztes Foto: Freundlich umspielen kleine Fältchen die feinen Gesichtszüge des fast 90-Jährigen. Die dünnrandige Brille ist zeitlos. „William hatte eine gewisse Vornehmheit“, sagt sein Freund und Ordensbruder Gerrit König. „Er legte Wert auf gute Kleidung, hatte Stil.“ Weltoffen und neugierig sei er gewesen. Kein Wunder, fing sein Leben doch recht turbulent an.

Seinen ersten und seinen zehnten Geburtstag verbrachte William Strieder auf einem Schiff, das nach Amerika fuhr. Er blickte schon früh über die Grenzen seiner Heimatstadt Leipzig. Der Sohn einer Deutsch-Amerikanerin und eines Leipziger Schirmfabrikanten wuchs auf in einer weltoffenen Familie. 17 Jahre war William alt, als sie beschlossen endgültig in die Vereinigten Staaten umzusiedeln, nach Milwaukee. Der Vater wollte in der Bonbonfabrik des Schwagers den Neuanfang wagen. Doch schon nach neun Monaten brachen sie ihren amerikanischen Traum enttäuscht ab und kehrten zurück nach Deutschland. Die Möglichkeiten, vor allem die finanziellen waren für die kleine Familie so unbegrenzt nicht gewesen. Vor allem aber hatten die Strieders Heimweh nach Europa. So wurde William Strieder doch kein Amerikaner. Dass er später auf der anderen Seite der politischen Weltkugel – nämlich in der DDR – landen würde, damit hatte damals, 1929 niemand gerechnet.

Vorhersehbarer war Williams Berufswunsch. Die katholischen Eltern schickten ihn auf ein Jesuitengymnasium und er studierte anschließend drei Jahre lang Theologie in München. 1936 entschloss er sich in den Orden einzutreten. Seinem Freund und Mitbruder Gerrit König erzählte er später, dass er sich jede andere Arbeit im Orden hätte vorstellen können, nur Pfarrer habe er nicht werden wollen. William habe dann aber schnell begriffen, was es bedeutet, im Orden zu sein, sagt König. „Dass ein Jesuit sich nicht aussucht, wie und womit er im Reich Gottes arbeitet, sondern dass er dort zu stehen hat, wo man ihn braucht.“

Was der Orden während und nach dem Zweiten Weltkrieg brauchte, waren Pfarrer. 1942 , damals war William Strieder 30 Jahre alt, wurde er in Wien zum Priester geweiht. Fünf Jahre später schickte der Orden ihn nach Rostock. Dort sollte er in einem neuen Stadtviertel eine Gemeinde aufbauen. An Mitgliedern fehlte es der Kirche damals auch im Osten Deutschlands noch nicht. Tausende von katholischen Flüchtlingen aus den ehemaligen Ostgebieten suchten hier ein neues Zuhause. William Strieders Aufgabe war es nun die verstreuten Katholiken zu einer neuen Gemeinde zusammenzufügen.

Auf staatliche Unterstützung konnte er dabei nicht rechnen. Strieder war in vielen Dingen, obwohl der Orden ihm Halt gab, auf sich selbst gestellt. Sein Glaube half ihm über manche Durststrecke. Die Verehrung der Heiligen gehörte für ihn dazu. Besonders auf den Heiligen Josef, den Patron der Kirche, setzte William Strieder große Hoffnungen. „Was den Heiligen Josef anbetraf hatte William einen geradezu naiven Glauben“, sagt Gerrit König. „Allerdings war William alles andere als ein Träumer.“ Der neue Rostocker Pfarrer Strieder verhandelte hartnäckig mit der DDR-Regierung, um ein Grundstück für seine neue Kirche zu bekommen. Gleichzeitig versuchte er, den Heiligen Josef für sich zu aktivieren. Der Pater betete und auf dem Grundstück, das er sich für seine Gemeinde wünschte, vergrub er ein Josefs-Medaillon in der Erde. Dass später genau an dieser Stelle die Kirche, die natürlich den n St. Josefs-Kirche bekam, gebaut wurde, bestätigte den Priester in seiner Verehrung. So verfuhr er forthin auch bei anderen weltlichen Nöten zweigleisig: Mit List und Klugheit organisierte er – und an den Heiligen Josef appellierte er. Letztlich hat die Heiligenverehrung zumindest nicht geschadet: Die Gemeinde bekam eine Kirche und wuchs fest zusammen. Bis zu 2000 Menschen gehörten schließlich dazu. Aus William Strieder, der ja nie Pfarrer werden wollte, wurde ein vorbildlicher Seelsorger.

Die Zeit in dieser Rostocker Gemeinde war für William Strieder die schönste seines Lebens. Bis zum Schluss, als er sich bereits im Ordenshaus in Kladow zur Ruhe gesetzt hatte, hielt er der Kontakt nach Rostock aufrecht. „Mehr als 100 Briefe schrieb William zu Weihnachten. Immer wieder luden ihn die Rostocker zu Feiern, Silbernen oder Goldenen Hochzeiten ein“, sagt König. „Für viele war er nicht nur Priester, sondern auch väterlicher Freund.“ Zu seiner Beerdigung in Berlin mieteten die Rostocker einen ganzen Bus. Und trotzdem mussten etliche zu Hause bleiben, die sich auch von William Strieder hätten verabschieden wollen. Sie schickten Grüße und Blumen. Ursula Engel

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