Wirtschaft : Willy Dargel

Geb. 1954

Kirsten Wenzel

Vom Alkoholiker zum Workaholic und zurück. Er war der Mann fürs Grobe. Da geht einer im roten Karohemd, mit Fischermüt- ze auf dem Kopf zum Fahrkartenschalter und sagt: „Einmal Heringsdorf, Usedom.“ Er kauft die Karte, geht auf den Bahnsteig, bleibt dort stehen – und schaut dem Zug hinterher. Wieder mal hat Willy Dargel seine Familie an der Küste nicht besucht.

Berlin war einmal die Fremde, in der er das große Glück suchte: Arbeit, Zuhause, Familie, das volle Programm. Zunächst erfüllte sich nichts davon. Wenn er durch die Halle vom Ostbahnhof ging oder durch den Bahnhof Zoo, grüßten ihn zwar viele, doch das bedeutete nicht unbedingt Gutes. „Hier hab ich auch mal Platte gemacht“, sagte Willy, wenn er mit seiner Chefin durch die Stadt fuhr. Etwa fünf Jahre muss er auf der Straße gelebt haben, immer mit der Flasche in der Plastiktüte, bevor er ins Wohnprojekt der Stadtmission in der Stephanstraße einzog. Vom Alkohol konnte er auch da nicht lassen; manchmal lag er bewusstlos bei Minusgraden an der Bushaltestelle, in Unterwäsche. „Du musst in die Klinik“, sagte die Sozialarbeiterin , „sonst kannst du hier nicht bleiben.“ Willy erklärte ihr darauf eines seiner Grundprinzipien: „Wenn Willy was nicht will, dann will er nicht.“ Er wollte nicht ins Krankenhaus. Doch aus dem Wohnprojekt hinausfliegen, das wollte er auch nicht. Also hörte er mit dem Saufen auf, von einem Tag auf den anderen. Ein kleines Wunder, für das der mecklenburgische Sturkopf genügte.

Bei der Stadtmission sagen sie: „Willy, auf den waren wir stolz. Unser Vorzeigewohnungsloser.“ Einer, der es geschafft hat – bis zur eigenen Zweizimmerwohnung und dem Arbeitsvertrag bei der Baukolonne. Willy sah schmächtig aus, wegen der vernarbten, eingefallenen Wangen. Doch das täuschte. Er konnte und wollte arbeiten wie ein Stier: „Ich bin der Mann fürs Grobe“, Spezialität: mit dem Vorschlaghammer Wände einreißen, beim Entrümpeln Sofas und Schränke aus dem Fenster werfen. Bloß nicht rumsitzen. Und vor allem: nicht allein sein. Regelrecht Angst vor dem Urlaub hatte Willy und vor den freien Tagen.

Nachmittags spazierte er in die Bäckerei auf dem Kottbusser Damm, ließ den Tag mit einem Kaffee aus seiner Spezialtasse ausklingen, spielte mit den Verkäuferinnen Lotto. Sein älterer Freund, Vattern, war immer dabei. Vattern und Willy passten aufeinander auf. Bei der Arbeit hatte Willy seine Chefin, die Bauleiterin. Die streng sein konnte und seine engste Vertraute war, die ihm bei der Wohnungseinrichtung half und ihm die Haare schnitt. Ihr zuliebe ließ er sich dritte Zähne machen – und trug sie in der Brusttasche herum. Wenn sie morgens zur Baustelle kam, hatte Willy bereits geheizt, gelüftet und frischen Kaffee gekocht. Und wenn sie abends müde war, sagte er: „Geh schon, Mädel. Ich schließ dann ab.“

Sieben gute Jahre waren es ohne den Alkohol. Sogar seine Familie auf Usedom besuchte er irgendwann. Da klingelte er, und ein paar Kinder riefen: „Mama, da ist ein fremder Mann.“ Er erfuhr, dass seine Geschwister arbeitslos waren. Ausgerechnet er, der verlorene Sohn, der Penner von einst, hatte jetzt einen Arbeitsvertrag.

Ein glückliches Ende? Eine Vorzeigegeschichte der Sozialarbeit? Willys Arbeitskollegen entdeckten eines Tages, dass er verändert war, dass er eine Fahne hatte. Sie alarmierten die Chefin, die zu ihm nach Hause fuhr: „Du trinkst wieder?“, rief sie entsetzt. „Hör auf. Ich brauch’ dich auf der Baustelle!“ Es half nicht.

Vielleicht, überlegt sie, hat ihm der Tod von Vattern zu sehr zugesetzt oder die Nachricht des Arztes: Das Bein sollte abgenommen werden. Mauern einreißen und Möbel werfen, das wäre dann nicht mehr gegangen. Trocken ohne Arbeit: für Willy unvorstellbar. Er war ein echter Workaholic.

Im Mai hat ihn der Zeitungshändler das letzte Mal gesehen. Die Bauleiterin rief ihn jeden Tag an, aber irgendwann ging er nicht mehr ans Telefon. Am Ende, sagt die Bäckereiverkäuferin vom Kottbusser Damm, da hat der Willy es laufen lassen. Da wollte er nur noch seine Ruhe.

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