Wirtschaft : Willy Egger

Geb. 1929

Stephan Reisner

Die hohe Schule der Filmproduktion: Blumen für die Hauptdarstellerin. Mit leicht abgeschliffenem Wiener Akzent zog Willy Egger über den Set und verteilte großzügig Schmankerl: „Magst a Zuckerl, magst was Süßes?“ Der erfahrene Herstellungsleiter wusste genau, worauf es ankommt bei einer Filmproduktion: Koordinierte Teamarbeit, Improvisationstalent und ab und an eine kleine, wohl dosierte Aufmunterung.

Er war der verlängerte Arm des Produzenten, derjenige im Produktionsgetriebe, der den Filmtross in Bewegung versetzte, ihn dirigierte, kontrollierte, animierte und dabei kaum einen psychologischen Führungstrick ausließ. „Na, was magst freiwillig haben?“, eröffnete er vor jeder neuen Produktion die Gagenverhandlungen mit den Beleuchtern. Die galten als besonders selbstbewusst. Doch gegen Willy Eggers unwiderstehlichen Drang zur einvernehmlichen Lösung blieben sie machtlos. Auch seine Mitarbeiter wussten seine progressive Grundeinstellung zu schätzen: „Geht nicht, gibt’s nicht!“ Als seine Assistentin einmal monierte, nicht Tag und Nacht im Einsatz sein zu können, gab er ihr den Rat: „Musst halt schneller schlafen!“

Bei Produzenten wie Artur Brauner und Horst Wendlandt, deren Geld er in belichteten Film verwandelte, war Willy Egger für den unerbittlichen Charme, die stringenten Kalkulationen und für sein sanftes Durchsetzungsvermögen berüchtigt. Er dachte schnell, sprach schnell, und wenn es sein musste, stellte er einfach auf Durchzug – all das passte perfekt zum seriösen Outfit und zum stets kunstvoll geföhnten Haupt. Und dann noch sein unberechenbarer Schmäh. Einem Gesprächspartner aus Oberbayern schlug er einmal vor, der besseren Verständigung halber die Unterhaltung in Englisch zu führen. Und als er einen ins Büro zitierten Mitarbeiter aus Motivationsgründen zusammenstauchen musste, kündigte er der Kollegin, die zufällig mit im Zimmer stand, die Szene vorsichtshalber an: „Jetzt muss ich gleich schreien!“

Im Grunde war an Willy Egger ein Schauspieler verloren gegangen. Allein auf technische oder organisatorische Qualitäten ließ er sich nicht reduzieren. Nur in einem Punkt war mit ihm nicht zu spaßen: Wenn man seiner Meinung nach nicht schnell genug sprach. Das mochte er gar nicht leiden.

Gern erzählte er Anekdoten aus dem Repertoire. Wie er zum Beispiel als Dreizehnjähriger der „Schlackenschammes“ von Hans Moser wurde und dem österreichischen Filmstar die tägliche Gage in Form einer Karre Brennholz nach Hause zog. Vor den Akquisiteuren des Volkssturms flüchtete er am Kriegsende oft ins Kino und sah dort immer den gleichen Film mit Marika Rökk. Einige Jahre später traf er die Diva am Set wieder. Weil sie lange in der Maske zu sitzen pflegte, fragte er scherzend in die Runde, ob „die Schaaßtrommel immer noch nicht fertig“ sei.

Wolfgang Staudte, Robert Siodmak und Billy Wilder – Willy Egger arbeitete mit vielen Größen des internationalen Films zusammen. Etliche Projekte der CCC-Filmproduktion von Artur Brauner, unter anderem zwei Karl-May-Verfilmungen – beide ohne Pierre Brice, dafür mit Willy Egger in einer Nebenrolle! – brachten ihn Anfang der Sechzigerjahre nach Berlin. Als er dann in den späten Siebzigern Billy Wilder kennen lernte, der sich mit einem Filmprojekt in Deutschland zurückmeldete, war das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Die beiden verband weit mehr als ihre österreichische Herkunft. Sie hatten den gleichen Witz und annähernd gleiche Vorstellungen, was klar strukturierte Filmarbeit bedeutet. Wilder war schwer beeindruckt, als ihm Egger innerhalb von 24 Stunden eine genaue Kalkulation für einen Außendreh auf Korfu lieferte. Regelmäßig besuchte Willy Egger dann Billy Wilder in Los Angeles. Im Reisegepäck die vom Regisseur bestellten Mitbringsel: Eine Holzschachtel Asbach Uralt Weinbrandbohnen und eine Keramikflasche Steinhäger-Korn. Ende der Neunziger vermittelte Willy Egger dann Billy Wilders Namen exklusiv an eine Bar am Potsdamer Platz. Der Betreiber dankte es ihm mit lebenslanger freier Verköstigung.

Wirklich schwach und von Gefühlsstürmen überwältigt wurde Willy Egger eigentlich nur in der Oper. Also ging er oft in die Oper. Wenn möglich saß er in der sechsten Reihe Mitte, dort, wo die Regisseure bei den Proben immer sitzen.

„Wissen ist Macht – aber wissen Sie schon, wie man Filme macht?“, so hieß eines seiner Seminare, die er in späteren Jahren hielt. Der Nachwuchs beim Film war Willy Egger besonders wichtig. Seinen Job verstand er immer als Lehrberuf. Seiteneinsteiger betrachtete er skeptisch. Blumen zur Begrüßung der Hauptdarstellerin am Set, damit begann für ihn die hohe Schule der Filmproduktion. Er persönlich ließ darauf die Einladung zur Oper folgen. Vorausgesetzt, die Darstellerin sprach schnell genug.

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