Wirtschaft : Wim Duisenberg ist nicht der richtige Mann für Europa

JOBST-HINRICH WISKOW

PAUL KRUGMAN (45) gehört zu den bekanntesten US-Ökonomen der jungen Generation.Er arbeitete für den Beraterstab von Präsident Reagan und auch von Bill Clinton.Krugman, der am Massachusetts Institute of Technology lehrt, veröffentlichte seine oft umstrittenen Ansichten in Büchern, populären Zeitschriften und im Internet.1999 erscheint sein erstes Buch in Deutsch.Am Freitag erhielt er die Ehrendoktorwürde der FU Berlin.

TAGESSPIEGEL: In drei Wochen startet der Euro.Führt die neue Währung zu blühendem Wohlstand - oder geradewegs in die Katastrophe?

KRUGMAN: Der Euro ist einfach wirtschaftlich eine schlechte Idee, auch wenn keines der beiden Szenarien eintreffen wird.Wenn ich Vor- und Nachteile vergleiche, so überwiegen die Nachteile.Aber niemand hat sie rechtzeitig bekannt gemacht.Jetzt ist es zu spät.Niemand wird behaupten, daß mit dem Euro der Niedergang nach Europa kommt.Aber die wirklich wichtige Frage lautet nun: Wie wird Euroland regiert?

TAGESSPIEGEL: Und, wie?

KRUGMAN: Ich mache mir Sorgen.Es hat sich soviel verändert, seit sich die europäischen Staaten 1991 in Maastricht für den Euro entschieden haben.

TAGESSPIEGEL: Was ist anders?

KRUGMAN: Deflation ist plötzlich wieder ein Problem.Dagegen ist Inflation kaum noch eins.Wir hatten Finanzkrisen, die niemand erwartet hatte.Was man in dieser Situation haben will, ist eine Zentralbank, die die Risiken einzuschätzen vermag - sowohl das Risiko der Inflation als auch das der Deflation.Sie darf weder zu strikt noch zu lax sein.

TAGESSPIEGEL: Also sollte sich die Europäische Zentralbank die Bundesbank nicht zum Vorbild nehmen?

KRUGMAN: Nein - wobei die Bundesbank flexibler war als ihr Ruf.Ich befürchte, daß die Europäische Zentralbank nicht die richtige Bank für Europa ist.

TAGESSPIEGEL: Ist Wim Duisenberg der richtige Mann?

KRUGMAN: Hoffentlich belehrt er mich eines Besseren.Doch die Europäische Zentralbank bräuchte jemanden wie Alan Greenspan, der einsieht, daß Deflation ein genauso großes Problem ist wie Inflation.Und im Moment sehe ich fallende Preise in ganz Europa.Trotzdem sieht es so aus, als würde der Aufschwung im kommenden Jahr nachlassen und die Arbeitslosigkeit steigen.Was die jüngsten Zinssenkungen der europäische Notenbanken bewirken, muß man erst einmal abwarten.

TAGESSPIEGEL: Stecken wir denn wirklich in einer Deflation?

KRUGMAN: Ich finde, es ist besser, man hat eine Inflationsrate von zwei oder drei Prozent und Zinsen von fünf bis sechs Prozent, als wenn man gar keine Inflation hat.

TAGESSPIEGEL: Warum?

KRUGMAN: Wenn eine Rezession kommt, hat man zumindest noch die Wahl, die Zinsen zu senken.Die USA hatten 1991/92 eine Rezession, in deren Verlauf die Notenbank den Zins um sechs Prozentpunkte senkte - von neun auf drei Prozent.Dabei handelte es sich nicht einmal um eine richtig schwere Rezession.Daß wir heute auf dem Höhepunkt des Aufschwungs praktisch keine Inflation haben, schmälert die Möglichkeiten der Wirtschaftspolitik.Es ist kaum auszudenken, was jetzt bei einem Börsen-Crash passieren würde.Wir haben nicht genügend Raum für Manöver.Zinssenkungen machen die Konjunktur stabiler.Die Inflationsrate muß jetzt auf ein, zwei Prozent steigen.

TAGESSPIEGEL: Ist Inflation denn wirklich zu bändigen?

KRUGMAN: Großbritannien hatte jahrelang eine Inflationsrate von zwei bis drei Prozent, die USA hatten eine Weile eine ähnlich hohe Rate.Sie haben Recht: Wer zwölf Prozent Inflation anpeilt, wird scheitern.Aber wer zwei bis drei Prozent anstrebt, hat Erfolg.Allein die Hyperinflation ist nicht kontrollierbar.

TAGESSPIEGEL: Wieso sehen die Notenbanker das anders?

KRUGMAN: Zentralbanker haben immer mehr Angst vor Inflation als vor Deflation.Wenn ein Notenbanker eine Inflationsrate zwischen null und zwei Prozent anstreben soll, wird er immer sehr stolz sein, wenn er möglichst dicht an die Null-Prozent-Marke herankommt.Und er wird alles daran setzen, sein Ziel zu erreichen.

TAGESSPIEGEL: Was kostet Null-Inflation - außer Flexibilität?

KRUGMAN: Arbeitsplätze.Denn Löhne sinken nicht - auch wenn die Preise fallen.Das bedeutet, die Kosten der Unternehmen bleiben hoch, während die Erlöse abnehmen.Die Folge ist eine wachsende Arbeitslosigkeit.Ich bin davon überzeugt, daß es einen Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit gibt, auch wenn dies unter Ökonomen heiß umstritten ist - zumindest bei einer Inflationsrate von einem, zwei oder drei Prozent.

TAGESSPIEGEL: Das ist die wichtigste Ursache für unsere Arbeitslosigkeit?

KRUGMAN: Der Hauptgrund liegt in den strukturellen Schwierigkeiten.Aber ja, ein weiterer Grund ist: Die Inflationsrate in Deutschland ist zu niedrig.

TAGESSPIEGEL: Dann geben Sie Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine Recht, niedrigere Zinsen schafften neue Beschäftigung?

TAGESSPIEGEL: Da stimme ich ihm zu.Aber deshalb hat er trotzdem nicht recht.Seine Beschäftigungspolitik ist falsch.Denn ich glaube grundsätzlich an das anglo-amerikanische Modell, wonach neue Beschäftigung nur dann entsteht, wenn Arbeitsmärkte flexibel sind.Interventionistische Arbeitsmarkt-Politik, wie Lafontaine sie will, vergrößert die Arbeitslosigkeit.Er will die Uhr zurückdrehen und spricht sich für striktere europaweite Regelungen aus.Die Politik, die Deutschland jetzt fährt, ist die Kombination von Interventionen auf dem Arbeitsmarkt und konservativer Geldpolitik.

TAGESSPIEGEL: Was ist mit mehr Staatsausgaben, um die Konjunkur anzukurbeln?

KRUGMAN: Das Schwierige ist zu entscheiden, wer das Geld bekommt.Meistens profitieren nur wenige von solchen Programmen.Ein anderes Problem ist das Defizit, das sich ergibt.Insofern würde ich immer der Geldpolitik den Vorrang einräumen.

TAGESSPIEGEL: Was ist mit High-Tech-Programmen - etwa Investitionen in den Transrapid?

KRUGMAN: Na ja, das ist ja nur ein kleines Ausgaben-Programm, das kaum ins Gewicht fällt.Ohnehin scheint mir die Technik in Europa sehr gut zu sein, die europäische Produktivität ist ungefähr so hoch wie die US-amerikanische.Technik ist also nicht das Problem.Es ist die Beschäftigung.

TAGESSPIEGEL: Was halten Sie davon, in ganz Euroland deutsche Regeln einzuführen, beispielsweise Sozialstandards oder Löhne?

KRUGMAN: Das wäre bitter für die anderen.Wenn die Europäische Union die großzügigen Standards einführt, dann würden Länder wie Portugal ihren Preisvorteil verlieren.Portugal würde eine traurige Region sein, so wie Ostdeutschland.Die arbeitsintensive Produktion ist gerade wegen der Unterschiede zwischen Deutschland und Portugal vom Norden Europas in den Süden gewandert.

TAGESSPIEGEL: Ganz oben auf der Tagesordnung in Euroland steht die Steuerharmonisierung.Sie ist heiß umstritten.

KRUGMAN: Die Briten sind skeptisch, sie sehen darin die Übernahme durch Kontinentaleuropa.Die Briten haben ziemlich geringe Steuern auf Arbeit, weshalb sie - wahrscheinlich zurecht - vermuten, daß sie erfolgreicher neue Beschäftigung schaffen als ihre europäischen Partner.Die Franzosen würden womöglich sagen, England betreibe Lohn-Dumping, und damit eine der britischen Errungenschaften in Frage stellen.

TAGESSPIEGEL: Was ist das Problem?

KRUGMAN: Die europäische Integration war eine nebulöse Angelegenheit.Erst ging es um technische Fragen, etwa darum, Standards festzulegen, zum Beispiel zu definieren, was ein Würstchen ist oder wie das mit der gemeinsamen Währung funktioniert.Und jetzt geht es plötzlich darum, die Gesellschaft neu zu organisieren.Das ist ein Problem.Und das größte Problem der EU ist, daß sie in dramatischer Weise undemokratisch ist.

TAGESSPIEGEL: Manche sagen, Deutschland gehe es ziemlich gut, andere meinen, es gehe uns schlecht.Was ist Ihre Ansicht?

KRUGMAN: Deutschland leidet unter Eurosklerose.Die Arbeitslosenquote in Deutschland ist zu hoch, auch die in Westdeutschland.Nach jeder Rezession ist die Arbeitslosenquote höher als beim letzten Mal.Es gibt schlichtweg zu wenige neue Jobs.Es heißt in Deutschland immer, die deutschen Unternehmen exportierten Arbeitsplätze ins Ausland.Aber das ist nicht das Besorgniserregende.Das Schlimme ist der dramatische Mangel an Jobs in der Dienstleistung.Der Grund liegt in der Arbeitsmarktpolitik, die neue Jobs sehr teuer macht.Zuviel Regulierung, zu hohe Steuern und die angesammelten sozialen Errungenschaften machen Arbeit zu teuer.

TAGESSPIEGEL: Ist Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig?

KRUGMAN: Deutschland ist ein Land, das mehr exportiert als importiert.Das ist gut, offenbar sind die Produkte beliebt.Aber die Dinge verschlechtern sich zunehmend.Deswegen steigt die Arbeitslosigkeit, und man fragt sich schon, wohin das noch führt.

TAGESSPIEGEL: Gehen Firmen aus Deutschland nach Tschechien, weil sie dort billiger produzieren können?

KRUGMAN: Gewiß.Aber die Angelegenheit ist kein Null-Summen-Spiel.Wenn mehr in Tschechien produziert wird, geht es den Tschechen immer besser, und sie kaufen mehr Produkte - auch aus Deutschland.Handel ist immer ein Positiv-Summen-Spiel, danach kommt mehr heraus als davor.

TAGESSPIEGEL: Das glaubt nicht jeder.

KRUGMAN: Klar.Wenn arbeitsintensive Produkte nicht mehr in Deutschland hergestellt werden, erhöht das den Druck auf die weniger qualifizierten Arbeiter.Aber höchstwahrscheinlich hat Nordeuropa bisher mindestens so viele qualifizierte Hoch-Lohn-Arbeitsplätze gewonnen, wie es weniger qualifizierte Jobs verloren hat.

TAGESSPIEGEL: Was macht Sie so optimistisch?

KRUGMAN: Das Beispiel USA.Das ist eine Volkswirtschaft, die in der Globalisierung viel offener ist als Europa.Natürlich gab es auch da das Grundproblem, daß die Einkommensverteilung auseinanderdriftete.Aber auch die Durchschnittslöhne sind mit der Produktivität gestiegen.Die Arbeitslosigkeit blieb niedrig, und die Ungleichheit hat sich nicht verschlechtert.

TAGESSPIEGEL: Und wieso glauben dann immer noch so viele, daß der Freihandel oder die Globalisierung an ihren Problemen schuld sei?

KRUGMAN: Weil es schön einfach ist.

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