Wirtschaft : Windenergie: Bei Umweltkontor liegt die Rendite in der Luft

Veronika Csizi

Geht es nach Heinrich Lohmann, dem Chef des Windenergieproduzenten Umweltkontor, dann werden 2005 irgendwo nordwestlich von Rügen, mitten in der See, 160 schlanke Riesen stehen. Jeder einzelne höher als der Kölner Dom. Offshore lautet das Zauberwort, das derzeit bei allen für Gänsehaut sorgt, die mit der Nutzung der Windenergie ihr Geld verdienen. Offshore, das steht für Windparks, die weit vor den Küsten im Meer einbetoniert sind und wegen der steifen Meeresbrisen 40 Prozent mehr Energieertrag als an Land versprechen. Auch Umweltkontor hat seine Claims bereits abgesteckt. Das noch junge Unternehmen aus Erkelenz bei Düsseldorf, erst seit Juli 2000 am Neuen Markt notiert, plant mit seinem Park "Adlergrund" eine Gesamtleistung von 600 Megawatt: Strom für rund eine Million Menschen.

Im Aktienkurs findet man die ehrgeizigen Pläne derzeit nicht wieder. Im Gegenteil: Seitdem Umweltkontor im Mai als erstes Unternehmen seiner Branche in den Nemax 50 aufgerückt ist, hat der scharfe Gegenwind von der Börse nicht nachgelassen. Der Kurs sackte um rund 40 Prozent auf aktuell 38 Euro ab. Auch die aktuellen Halbjahreszahlen versöhnten die Börsianer nicht. Die Aktie verlor am Dienstag rund drei Prozent. In den ersten sechs Monaten machte Umweltkontor einen Umsatz von 51,9 Millionen Euro im Vergleich zu 14,6 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Der Konzernüberschuss lag bei 1,4 Millionen Euro (1. Halbjahr 2000: 0,2 Millionen Euro).

Ein Blick auf die Daten seit dem Börsengang relativiert die Kursverluste: Während der Nemax 50 seit Juli 2000 um etwa 80 Prozent eingebrochen ist, legte Umweltkontor seither rund 200 Prozent zu. Bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 20 (Basis 2002) sehen Analysten wieder Kaufkurse.

Konkurrenz bei Offshore-Windparks

Chancen und Risiken halten sich die Waage. Die Realisierung der Windfarmen ist mit mehreren Fragezeichen versehen: Umweltschützer sehen Gefahren für Vögel und Wale, Reeder für die Handelsschifffahrt. Und jene sturmresistenten Anlagen, die benötigt werden, damit sich der kostspielige Aufbau im 30 bis 40 Meter tiefen Wasser lohnt, sind derzeit noch nicht serienreif. Erfahrungen mit dem technisch komplizierten Aufbau der 160-Meter-Türme mit 100-Meter-Rotoren hat noch niemand. Auch die Finanzierungen stehen noch nicht. Zwar hat sich Umweltkontor gerade über eine Kapitalerhöhung 39 Millionen frisches Kapital beschafft, doch wird die anvisierte Expansion deutlich mehr verschlingen. Auch die Konkurrenz ist hart: 13 Projekte mit insgesamt 2000 Riesenrädern haben in der Nord- und Ostsee eine Genehmigung beantragt. Andererseits arbeitet die Branche mit politischen Rückenwind: Das Bundesumweltminsterium hält es für denkbar, dass bis 2030 etwa 15 Prozent des deutschen Strombedarfs aus Offshore-Parks stammen.

Doch auch ohne die Offshore-Fantasie ist das Zahlenwerk von Umweltkontor ambitioniert. In diesem Jahr wollen Lohmann und sein Vorstandskollege Leo Noethlichs rund 180 Millionen Euro erlösen - nach 87 Millionen im Jahr 2000. Für 2002 sind 309 Millionen anvisiert. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern soll sich von gut sechs Millionen Euro im vergangenen Jahr bis 2002 vervierfachen. Beschleunigen soll die Gewinndynamik dabei vor allem das Auslandsgeschäft. Während in Deutschland der Platz für neue Windparks an Land knapp wird, sorgen Länder wie Spanien, Frankreich, die Türkei oder Griechenland für Goldgräberlaune: Die Liberalisierung der Energiemärkte ist voll in Gang, die Länder sind relativ dünn besiedelt, Windkraftanlagen sind dort trotz guter Windverhältnisse noch Mangelware. Aktuell stammen bei Umweltkontor noch fast drei Viertel der Erlöse aus deutschen Windprojekten. 2002 sollen es nur noch 47 Prozent sein. Spätestens 2005 will Umweltkontor, das neben dem Hauptgeschäftsfeld Windkraft auch mit Sonne und Biomasse sein Geld verdient, zum größten Ingenieur- und Finanzdienstleister mit Komplettservice für sämtliche grüne Energien in Europa aufsteigen. Konkurrenten wie Energiekontor oder Plambeck, die ebenfalls das ganze Ökoenergiefeld beackern, will man dabei hinter sich lassen. In den Köpfen der Erkelenzer Ingenieure existieren bereits solarthermische Kraftwerke, Aufwind- und Wellenkraftwerke und Meeresströmungsturbinen.

Da bleibt Kritik nicht aus. "Man will viel, aber konkret ist noch nicht allzu viel umgesetzt", sagt Hartmut Moers, Experte für Öko-Aktien am Neuen Markt bei Oppenheim Research. Gleichwohl hat Moers das Unternehmen erst vor kurzem von "underperformer" wieder auf "neutral" hochgestuft. Da der faire Wert des Papiers bei etwa 48 Euro liege, biete Umweltkontor inzwischen wieder eine Kurschance von knapp 25 Prozent. Die Berliner Effektenbank sieht in der Aktie nur eine Halteposition und glaubt, dass 215 Millionen Euro eine realistischere Umsatzerwartung für 2002 sind. Hornblower Fischer und die DG Bank meinen dagegen: kaufen.

Hohes Wachstum bei Windkraft

Unstrittig ist indes, dass die Branche noch vor ihren besten Jahren steht. Nach einer Studie von Shell werden Wasser- und Windkraft, Sonnenlicht und Biomasse bis 2050 mindestens 50 Prozent des Weltenergieverbrauchs decken. Das auf Öko-Trends spezialisierte Schweizer Bankhaus Sarasin sagt der Nutzung der Sonnenenergie eine ähnliche Erfolgsstory wie dem Handy oder dem Internet voraus. Und Umweltkontor selbst weist darauf hin, dass die Windbranche seit fünf Jahren mit plus 40 Prozent schneller wächst als die Computerbranche (plus 28 Prozent). Bis 2020 werde der Windmarkt jedes Jahr etwa 30 Prozent zulegen.

Diese Wachstumsraten, meint Umweltkontor, werden weitere private Investoren anlocken. Das Unternehmen ist deshalb gerade dabei, sein zweites Standbein, die Finanzdienstleistungen, auf ein breiteres Fundament zu stellen. Zu den 27 geschlossenen und steueroptimierten Windenergiefonds - Umweltkontor ist hier Marktführer - sollen künftig Venture-Capital-Fonds sowie offene, gewinnorientierte Fonds kommen und eine breitere Finanzierung ermöglichen.

Vor einem Investment werden sich viele crashgeschädigte Anleger die Frage stellen: Wird der Erfolg der Öko-Branche, ähnlich dem Internet, irgendwann seine Kinder fressen? Sind Kursstürze, wie bei Intershop, denkbar? Die Wahrscheinlichkeit hierfür sei "vergleichsweise gering", sagt Branchenkenner Moers. Der Markt für grüne Energie sei gut abgesichert, die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Bleibt das Restrisiko Offshore mit seinen hohen Investitionen. Wer sich da allerdings nasse Füsse holt, der kriegt nicht nur einen Schnupfen, sondern eine Lungenentzündung.

0 Kommentare

Neuester Kommentar